Inferno




Theo Meyer


Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft ist ein höchst schwieriges Unterfangen. Angesichts der nationalsozialistischen Vernich-tungsorgien sieht man sich seit Jahrzehnten, seit dem Zusammenbruch des NS-Regimes, mit der Frage nach der Bewältigung des Geschehens, einer geistigen, moralischen, politischen Bewältigung, konfrontiert. Es gibt ein Spektrum von Reaktionen: die unmittelbare emotionale Betroffenheit, die Solidarität mit den Opfern des NS-Terrors, den moralischen Protest gegen die Barbarei, den Appell, aus dieser historisch absolut beispiellosen Katastrophe die Konsequenz einer humanen Zukunftsgestaltung zu ziehen. Neben diesen engagierten Wertungen des Pandämoniums gibt es die sachlichen Aufarbeitungen, die 'objektiven' Arbeiten, Untersuchungen der repressiven Strukturen und Apparaturen des NS-Staates, der demagogischen Propaganda, der zeitgeschichtlichen und historischen Voraussetzun-gen der NS-Ideologie, insbesondere des Rassenwahns, sozialpsychologische, ge-sellschaftskritische und politische Analysen, Dokumentationen der technischen, industriellen Organisation des Massenmordes, der menschenvernichtenden Einsatz-kommandos, Statistiken.
Der gegen alle politischen Kritiker und Gegner, faktische oder angebliche Opponenten, alle rassistisch diskriminierten Volksgruppen, alle dem Regime miß-liebigen Personen gerichtete Vernichtungswille kulminiert in der systematisch betriebenen antisemitischen Hetze des Regimes. Der Demagoge Joseph Goebbels, der größte Volksverführer der Neuzeit, und seine Komplizen haben hier ganze Arbeit geleistet. Den Höhepunkt der volksverhetzenden Agitation bildet Hitlers unver-hüllte Drohung in seiner Reichstagsrede vom 30. Januar 1939, dem Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung: „Ich will heute wieder ein Prophet sein. Wenn es dem internationalen Judentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Er-gebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“1 Damit erfolgt ohne jede Verschleierung die öffentliche Ankündigung des Völkermordes an den Juden. Es ist die exzessive Zuspitzung des jüdischen Leidensweges in den zwölf Jahren der NS-Diktatur, einer vita dolorosa mit den Stationen: Rassengesetze, Entrechtung der jüdischen Mitbürger, Schikanen und Ausschreitungen, Reichspog-romnacht, Deportation, Vernichtung:
Der systematische Massenmord an den Juden, in der Kulturgeschichte der Menschheit ein Vorgang ohnegleichen, übersteigt das normale menschliche Fas-sungsvermögen. Die für die strukturelle Barbarei der 'Endlösung' charakteristi-sche Verbindung von irrationalem Antrieb und rationaler Planung, die Verquickung von Rassenhaß und Technologie, ist für die Überlebenden und Nachlebenden des Holocaust ein kaum zu bewältigendes Problem. Die Ungeheuerlichkeit, mit der pro-fessionelle Mörder als Organe einer verbrecherischen Führung mittels perfekter Technik ihr blutiges Handwerk betrieben, in einem gewissermaßen rationalisierten Vernichtungsrausch, entzieht sich dem menschlichen Verstehen. Nicht nur der Tat-bestand, sondern auch die Deutung der Fakten bereitet die größten Schwierigkei-ten. Dokumentare, Politiker, Historiker, Moralisten, Psychologen, Künstler, Schriftsteller – sie alle drohen an diesem Sujet zu scheitern oder es doch nur unzureichend zu erfassen, eben weil es die menschliche Vorstellungskraft sprengt. Alle diese Versuche der Bewältigung bleiben in Ansätzen stecken, müssen stecken- bleiben, weil das Ganze offenbar überhaupt nicht zu bewältigen ist. Fast hat es den Anschein, als sei durch die 'Endlösung' die Schöpfung selbst widerlegt worden. Angesichts dessen, was Menschen Menschen antun können, scheint das Menschsein selbst fragwürdig geworden zu sein. Der Homo sapiens scheint sich als Kulturwesen selber dementiert zu haben.
Unter diesen Auspizien verwundert es nicht, daß Überlebende und Nachlebende, nicht zuletzt die Schriftsteller, im Hinblick auf eine geistig-moralische Bewäl-tigung der 'Endlösung' von Skepsis und Resignation erfaßt werden. Es ist nur konsequent, daß sich das Bewußtsein eines allgemeinen Kultur- und Sinnverlustes einstellt. Man starrt auf die Tabula rasa. Der Nihilismus greift um sich. Ador-nos Diktum „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“2 bringt die Problematik auf den Punkt. Zumindest wirft dieses Verdikt die Frage nach der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit von Kunst angesichts der nihilistischen Deshuma-nisierung des Menschen auf. Hans Magnus Enzensberger hingegen widerspricht dem Satz Adornos, daß nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich sei: „Wenn wir wei-terleben wollen, muß dieser Satz widerlegt werden.“ Diese Widerlegung kann nur durch das Gedicht erfolgen. Mit Bezug auf Verse der Nelly Sachs schreibt Enzens-berger: „Nur so ist Trost möglich, als Frage, als Dialog mit der Trostlosig-keit.“ Es ist ein „Gespräch mit dem Sprachlosen“.3 Das Gedicht muß der Barbarei Widerstand leisten.4 Alfred Andersch bemerkt zu Adornos rigorosem Schreibverbot: „Leider bleibt uns keine andere Wahl, als es dennoch zu versuchen.“5 Er fügt allerdings hinzu, „daß nämlich die Welt sehr wohl leben kann ohne diesen Luxus, die Literatur.“6 Günter Kunert reagiert auf die Auseinandersetzung mit Adornos Verdikt mit der Feststellung, es sei sinnlos, diese „Frage“ mit ja oder nein zu beantworten: „viele Lyriker fühlten sich bemüßigt, sie tiefgründig zu bejahen oder zu verneinen, statt dem Gesetz ihres Metiers zu folgen“7. Es ist Kunerts Anliegen, die Freiheit des kreativen Prozesses gegenüber allen heterogenen Ein-flüssen zu bewahren. Auch angesichts einer schrecklichen Wirklichkeit soll dem Gedicht sein Eigenrecht eingeräumt werden. Günter Grass rechtfertigt gleichfalls trotz des Auschwitz-Schocks die literarische Produktivität, ausgehend von einem vitalen, spielerischen Schaffenstrieb. Adornos „Gebot“ sei ihm „widernatürlich“, als ein „Verbot“ vorgekommen, „als hätte jemand gottväterlich sich angemaßt, den Vögeln das Singen zu verbieten“8. Nun, das war kaum die Absicht Adornos. Seine scheinbar autoritäre Provokation – wenn man denn von einer Provokation sprechen will – ist Ausdruck einer schweren Irritation über das desaströse Auseinander-brechen von Kunst und Realität. Und es ist wohl die Frage, ob die „Vögel“ nach Auschwitz noch so schön singen wie einst. Freilich, Günter Grass konstatiert auch: „Wir kommen an Auschwitz nicht vorbei. Wir sollten, sosehr es uns drängt, einen solchen Gewaltakt auch nicht versuchen, weil Auschwitz zu uns gehört, bleibendes Brandmal unserer Geschichte ist und – als Gewinn! – eine Einsicht möglich gemacht hat, die heißen könnte: jetzt endlich kennen wir uns.“9 Paul Celan, dessen Todesfuge gezeigt hat, daß nach Auschwitz noch ein Gedicht möglich ist, schrieb jenen Vers, der sich dem Gedächtnis eingeprägt hat: „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“10. Bei alledem zeigt sich allerdings auch, daß die Schreibenden sich nicht nur genötigt und verpflichtet sehen, sich dem Auschwitz-Syndrom zu stellen und ihm Ausdruck zu verleihen, sondern auch ihrem Schreib-trieb entsprechen. Der Schaffensimpetus ist ein anthropologischer Grundtrieb. Er läßt sich offenbar durch noch so große Schrecknisse nicht tilgen. Er ist die conditio humana des Schriftstellers. Das Niederschreiben des Schrecklichen ist eine Art Katharsis, eine Selbstreinigung, und zugleich eine Form der Selbstbe-freiung durch kreative Akte als Ausdruck ästhetischer Selbstbestätigung. Der sich mit dem Inferno auseinandersetzende Schriftsteller steckt in der Spannung von Pflicht und Neigung, Moral und Kunst, Schweigen und Schreiben. Diesem Dilem-ma kann er nicht entrinnen. Aber es ist auch sein Antrieb, daß der Tod nicht das letzte Wort haben soll.
Die literarischen Bewältigungsversuche sind nur ein Aspekt des Problems. Von zentraler Bedeutung ist der Rekurs auf Authentizität. Vor allem in den authenti-schen Berichten von Häftlingen der Konzentrationslager gelangt die unverstellte Wirklichkeit zum Ausdruck. Sie ermöglichen dem Leser nicht nur das unmittelbare Beteiligtsein, sondern vermitteln ihm auch Erkenntniszuwachs. Natürlich sind diese Texte aus der jeweiligen Erlebnis- und Erfahrungsperspektive der Schrei-benden verfaßt. Diese autobiographischen Berichte erheben nicht den Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität, sondern der subjektive, der existentielle Faktor ist in ihnen naturgemäß stark ausgeprägt – wie anders ist das auch in der perma-nenten Grenzsituation der Vernichtungsdrohung denkbar. Dennoch ist die Faktizi-tät der geschilderten Vorgänge festzuhalten. Der Einzelfall hat exemplarische Bedeutung. Aus der Vielzahl der 'subjektiven' Einzelberichte ergibt sich ein 'objektives' Gesamtbild, ein Bild der ständigen Entwürdigung, Erniedrigung, Miß-handlung und Ermordung unschuldiger, wehrloser Menschen. Aufschlußreich sind dabei die Reaktionen einzelner Häftlinge auf das Geschehen. Sie reichen von to-taler Hoffnungslosigkeit bis zu verzweifelten Überlebensversuchen.
So schildert Anja Lundholm, Jahrgang 1918, Tochter einer Jüdin, Widerstands-kämpferin, in ihrem Buch Das Höllentor. Bericht einer Überlebenden (1988)11 ihre Erlebnisse und Erfahrungen, die Zustände im Frauen-Konzentrationslager Ravens-brück, in das sie 1944 eingeliefert wurde. Sie schildert die Situation im Lager, die Unterdrückungsapparaturen, die Brutalität des Wachpersonals, Tötungsexzesse und die Vergasungen als eine mehr und mehr zum Normalvorgang werdende Praxis. Die Verfasserin stellt die Dinge in einem realistischen Berichtsstil dar, unter Verzicht auf Sentimentalität, Pathos und Moralismus. Sie läßt die Fakten als Fakten sprechen. Dennoch beschränkt sie sich nicht auf eine nüchterne Berichter-stattung. Immer ist in der Darstellung ihr Beteiligtsein, ihr Betroffensein spürbar. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Schilderung sadistischer Praktiken der Aufseherinnen und SS-Männer. Härteste Prügelstrafen sind an der Tagesord-nung. Mit äußerster Brutalität springt man mit den zu Arbeitssklaven reduzierten Häftlingen um. Manchmal lassen Aufseherinnen unter der Schwerstarbeit zusammen-brechende weibliche Häftlinge von Hunden zerfleischen. „Wo ist denn deine Mut-ter?“ fragt eine Aufseherin ein fünfjähriges jüdisches Mädchen. „Mami ist ges-tern vergast worden, gibt Jackie bereitwillig Auskunft, um hinzuzufügen: Der Mann mit der Mütze hat gesagt, ich komme morgen dran. Es klingt, als spräche sie über etwas ganz Alltägliches.“ (S. 171) Ein Gestapobeamter, der zunächst schein-bar freundlich mit einem dreijährigen jüdischen Jungen spielt, schleudert das Kind plötzlich mit voller Wucht gegen eine Mauer, so daß Gehirnmasse zu Boden fließt. Der entsetzten Mutter wirft er die Leiche vor die Füße und befiehlt ihr: „Erst saubermachen. Dann kannst du flennen!“ (S. 282) Es gibt kaum eine Scheuß-lichkeit, deren die NS-Schergen nicht fähig gewesen wären.12 Im Lager leben die Häftlinge unter ständiger Lebensgefahr. Reduziert auf die unmenschlichsten Exis-tenzbedingungen, bleibt ihnen nur noch der Selbsterhaltungs-, der Überlebens-trieb. Da geht es zunächst ganz elementar um die Physis. Die sowieso die Lebens-erwartung einschränkenden Hungerrationen müssen, soweit dies eben möglich ist, durch gelegentliche zusätzliche Nahrungsmittel ergänzt werden. Ein niederziehen-des Geschäft. Vor allem aber kommt es darauf an, nicht krank zu werden. Zur Ü-berlebensstrategie gehört das Sich-Gesund-Stellen beim Arbeitseinsatz. Wer nicht mehr arbeitsfähig ist, muß damit rechnen, ins Gas geschickt zu werden. Da der Mensch in der NS-Ideologie bloßes Material ist – und das betrifft die Häftlinge in besonderer Weise –, hängt die Überlebenschance von Bewährung oder Vortäu-schung von Arbeitskraft ab. Hier spielt im übrigen die Zusammenarbeit von SS und Rüstungsindustrie eine fatale Rolle. So wurde Frau Lundholm in Ravensbrück zu einem Arbeitseinsatz in einem Rüstungsbetrieb der Firma Siemens beordert.13 Der physische und psychische Druck, dem die Häftlinge ausgesetzt sind, kann zu Ver-zweiflung und Apathie führen. Er kann aber auch psychologisch Selbsterhaltungs-reaktionen hervorrufen. Eine Form der Selbstbehauptung war für Anja Lundholm Selbsttherapie durch Verdrängung. Sie spricht von ihrer mit der Zeit sich ein-stellenden „Kampfmüdigkeit“, die sie zu einem (vorübergehenden) Ignorieren der Umwelt veranlaßt: „Allmählich beginne ich mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß es so etwas wie eine Außenwelt überhaupt nicht gibt, daß sie utopisch ist. Die Vorstellung, es könne Menschen geben, Hunderttausende, die außerhalb der Sta-cheldrahtgrenze frei umherwandern und doch keinen Finger rühren, uns zu Hilfe zu kommen, dieser Gedanke einer Ausdehnung der Unmenschlichkeit ins Unendliche ist für mich nicht mehr nachvollziehbar.“ (S. 179) Sie hat das „Gefühl, daß mich das alles gar nichts mehr angeht. Seit mir meine Identität abhanden gekommen ist […] ist mir alles gleichgültig geworden.“ (S. 290) Es ist der Versuch, sich durch eine Art autogenes Training den Bedrohungen zu entziehen und den Identitätsver-lust, die Zerstörung der Individualität, fiktional zu überwinden. Es ist das Bestreben, bewußt oder unbewußt, die eigene Menschenwürde wenigstens rudimentär zu wahren. Aber das Morden geht weiter. Noch in der Zeit vor der Befreiung des Lagers durch sowjetische Truppen erfolgen Erschießungen, Vergasungen, Todesmär-sche. Die Häftlinge schwanken zwischen vager Hoffnung auf Befreiung und lähmen-der Trostlosigkeit. „Gott kannste vergessen“ sagt ein weiblicher Häftling (S.284) In den Wirren eines Häftlingsmarsches gelingt der Autorin und einigen Mithäftlingen die Flucht.14
Von ganz anderer Art ist die Darstellung der 1925 in Breslau geborenen jüdi-schen Autorin Anita Lasker-Wallfisch. Ihr Buch Ihr sollt die Wahrheit erben. Breslau – Auschwitz – Bergen-Belsen (1997)15 ist stärker geprägt von der Biogra-phie der Verfasserin. Sie entwickelt ihre persönliche Vita aus der Familienge-schichte, den diversen familiären Bindungen, und vor allem im ständigen Kontext der repressiven Zeitgeschichte. Dies erfolgt in einem offenen, freien Erzähl-stil, in einem manchmal fast lockeren Parlandostil, der aber immer mit analyti-scher Präzision verbunden ist. Es ist ein Stil, der die Information mit der Re-flexion verknüpft. Die Autorin, die verfolgte deutsche Jüdin, nimmt die Ereig-nisse nicht einfach als passives Opfer hin, sondern reagiert kritisch auf das Geschehen, in prägnanten Überlegungen, häufig Antriebe der Täter mit Röntgen-blick entlarvend. Sie schildert, wie sie in aller Verfolgung ihre innere, geis-tige Freiheit zu bewahren versuchte, aus Überlebenstrieb, aber auch um ihrer Menschenwürde willen, der letzten Zuflucht. Der totalen Degradierung zum anony-men Sachobjekt setzt sie geistigen Widerstand entgegen. Ihre Darstellung lebt geradezu von der Spannung von Unterdrückung und Freiheit – sofern diese idealis-tische Vokabel in diesem Problemfeld noch akzeptabel ist. Diese unter den deso-laten Lebensumständen immer wieder mühsam neu erkämpfte geistige Freiheit bekun-det sich nicht zuletzt in der Ironie. Ironie schafft Distanz und Überlegenheit, wie sie im übrigen auch Ausdruck der Humanität ist. Ironische, witzige, ja sogar humoristische Bemerkungen werden eingeblendet. Sie haben eine Schutzfunktion. Damit hält sich das geistig wache Opfer der Repressionen die Unterdrücker gewis-sermaßen vom Leibe. Die Ironie ist die Waffe der real Ohnmächtigen, aber geistig Aktiven. Dabei gelangt die Ironie nicht erst in der Rückschau der Verfasserin zum Ausdruck, sondern ist bereits, wie viele Einzelsituationen bezeugen, kenn-zeichnend für ihre Haltung zur Zeit der Verfolgung. Die Ironie verdeckt aller-dings nicht die Grausamkeit des Geschehens, von der die Lebensgeschichte der Autorin Zeugnis ablegt: die allgemeinen antisemitischen Repressalien, denen die Familie in Breslau ausgesetzt ist, 1942 die Deportation und Ermordung der El-tern, die gemeinsam mit der Schwester Renate zu leistende Zwangsarbeit in einer Papierfabrik, die Haftstrafen wegen gefälschter Pässe für Kriegsgefangene, die 1943 erfolgende Einlieferung ins Konzentrationslager Auschwitz, die Überstellung ins KZ Bergen-Belsen, die Befreiung durch britische Truppen, das neue Leben in der Nachkriegszeit. Mit der Einlieferung ins KZ erfolgt die sofortige Entwürdi-gung des Häftlings. „Man fühlt sich vollkommen nackt, unendlich verwundbar und zu einem Niemand reduziert. Da stand ich also, splitternackt und ohne Haare, mit einer Nummer auf dem Arm. In kürzester Zeit fand man sich jeder Faser menschli-cher Würde beraubt.“ (S. 110) Zwangsordnungen, Verbote, Schikanen funktionali-sieren die Häftlinge zu einer gesichtslosen Masse. Dazu gehört die deutsche Ord-nungssucht. „Diese deutsche Manie, uns abzuzählen, habe ich niemals verstanden. Die Deutschen waren damit beschäftigt, so viele von uns wie möglich zu vernich-ten – warum sollte es dann so wichtig sein, daß wir alle da sind? So war es aber, und Appellstehen bedeutete eine besondere Tortur. Es war streng verboten, sich zu bewegen, und da diese Prozedur manchmal Stunden und Stunden dauerte, kann man sich vorstellen, was das für Menschen bedeutete, die fast ausnahmslos an Durchfall litten.“ (S.111f.) In der Rückschau konstatiert die Autorin, daß es ihr schwerfalle, „das Leben in Auschwitz-Birkenau zu beschreiben. Einige Stich-worte fallen mir ein, die Ingredienzen dieser Hölle waren: Gestank brennender Leichen … Rauch … Hunger … Angst … Verzweiflung … Geschrei … Muselmänner (so hießen in der Lagersprache ausgehungerte Menschen, die am Ende ihrer Kraft wa-ren).“ (S. 123) Zugleich war das Lager ein Ort der Korruption, in einem Vertei-ungssystem der Kapos und Blockältesten, etwa in der Vergabe der kärglichen Brot-rationen. „Es gab eine hochentwickelte Hierarchie, die fast ausschließlich das Lager regierte.“ (S. 125) Der Terror der SS kannte keine Grenzen. Bezeichnend ist die 'Liquidierung' eines Mädchens, das mit seinem Freund einen Fluchtversuch unternommen hatte, von seinen Häschern wieder aufgegriffen worden war und nun seiner Hinrichtung entgegensah. „Wir mußten alle antreten, um zuzusehen, wie sie für ihr 'Verbrechen' büßte. Sie sollte öffentlich aufgehängt werden, aber Mala kam der Obrigkeit zuvor. Sie schnitt sich auf dem Hinrichtungsplatz die Puls-adern auf, stieß Flüche gegen die SS-Männer aus und schlug mit ihrer blutenden Hand einem SS-Mann ins Gesicht. Man brachte sie auf einem Karren zum Krematori-um, wo man sie erschoß.“ (S. 125)
Die Autorin schildert allerdings sadistische Exzesse vergleichsweise selten. Vielfach beschränkt sie sich bewußt auf Andeutungen. Aber gerade dadurch ist die Wirkung umso intensiver. In Auschwitz sind die Vergasungen derart zur Selbstver-ständlichkeit geworden, daß zwar jeder Häftling für sich selber mit diesem Ende rechnen muß, daß aber zugleich viele Häftlinge das Ganze als ein unabwendbares Verhängnis empfinden. Für die Täter ist diese barbarische Prozedur längst zum bloßen technischen Ablauf geworden. Eben diesen Automatismus hat die Autorin in ihrer klaren, präzisen, unpathetischen Darstellung zum Ausdruck gebracht. Gerade die gewisse intellektuelle Nüchternheit, die scheinbar unterkühlte Diktion, ver-leiht dem Text eine besondere Intensität. Indem sie forcierten Moralismus und laute Emotionen vermeidet, rückt die Verfasserin die Phänomene selbst ins Blick-feld. In der sachlichen Beschreibung ist aber die emotionale Teilnahme der Auto-rin deutlich spürbar. Dies zeigt sich z.B. bei der Deportation der geliebten Eltern: „Wir wußten einen Tag vorher, daß es die Eltern nun ereilen wird. Mutti hat viel geweint, denn sie hat wohl instinktiv gefühlt, daß es nun dem Ende zu-geht und daß sie uns zum letzten Mal sieht. […] Mutti weinte und weinte, unsere arme, arme liebe gute Mutti, sie hatte solche Angst.“ (S. 52f.) „Das Endziel war Isbica nahe bei Lublin. Dort haben die Menschen ihre eigenen Gräber graben müs-sen und sind dann nackt in diese Gräber geschossen worden. Es ist wohl verständ-lich, daß ich mir selten den Luxus erlaube, meiner Phantasie, was die Ermordung meiner Eltern betrifft, freien Lauf zu lassen.“ (S. 54) Die zurückgebliebenen Schwestern, Anita und Renate, lassen sich nicht in Apathie versinken, sondern sind bestrebt, zu überleben. Das beginnt schon in der Bewältigung des Alltags: „Wir gingen nach Hause und nahmen unser alltägliches Leben wieder auf, nur viel-leicht mit doppelter Verbissenheit, uns nicht unterkriegen zu lassen.“ (S. 54) Der Überlebenstrieb fordert eine spezifische Überlebensstrategie. Mit viel Klug-heit, mit Geschick und List gelingt es dem Mädchen Anita, gemeinsam mit der Schwester Renate, vorerst die schlimmsten Repressalien abzuwenden. Daß sie zu einer Haftstrafe verurteilt wird, empfindet sie als günstige Fügung, denn Ge-fängnis bewahrte (vorerst) vor Deportation. Und diese Gefängnisstrafe schützte sie nach der dann doch erfolgten Deportation in Auschwitz vor der Selektion, da sie zu den „’Karteihäftlingen?“ gehörte. „Wir durften nicht sofort vergast wer-den, denn man könnte uns eventuell noch einmal zu weiteren Zeugenaussagen vor Gericht rufen.“ (S. 109) Entscheidend aber ist Anitas Künstlertum. Sie hat das Glück, als Cellistin in das 'Mädchenorchester' von Auschwitz aufgenommen zu wer-den, das die SS zu ihrer Unterhaltung und als Begleitmusik zu Lagermärschen ein-gerichtet hatte. Im Mädchenorchester benötigte man die Cellistin. Das Orchester war ein Schutz. Anita war nicht mehr der unmittelbar drohenden Vernichtung aus-gesetzt. Die Kunst hat ihr das Leben gerettet. Es ist eine makabre Paradoxie, daß an der Stätte des Massenmordes die Musik für eine junge jüdische Künstlerin zur Lebensretterin wird. Das Orchester hatte „für die Tausende von Häftlingen zu spielen, die außerhalb des Lagers arbeiteten (unter anderem bei den I.G. Far-ben). Natürlich war es von größter Wichtigkeit, daß diese Kolonnen fein säuber-lich und im Gleichschritt ausmarschierten! Dafür lieferten wir die Musik.“ (S. 117) Die Musik konnte aber auch eine befreiende, erlösende Wirkung ausüben. So berichtet die Autorin, daß Orchestermitglieder einmal „zu unserem eigenen Ver-gnügen“ „Beethovens Pathétique-Sonate aus dem Gedächtnis“ spielten. „Ein Kammer-musikabend in Auschwitz! Damit hoben wir uns im wahren Sinne des Wortes über das Inferno, in dem wir lebten, in Sphären hinaus, die nicht von den Erniedrigungen einer Existenz im Konzentrationslager berührt werden konnten.“ (S. 127) Solche Sternstunden der Freiheit durch die Kunst waren allerdings die Ausnahme. In der Regel hatte das Spielen für die „SS-Leute“ etwas Niederziehendes an sich. „Sie kamen meistens, um sich von den 'Strapazen' der Selektionen zu erholen, bei de-nen sie entschieden, wer leben und wer sterben sollte. Bei einer solchen Gele-genheit spielte ich die Träumerei von Schumann für Dr. Mengele, den berüchtigten Lagerarzt.“ (S. 120) Dieser obszöne Kunstgenuß der SS-Mörder dürfte die scho-ckierendste Pervertierung der Musik in der Kulturgeschichte sein. Der Massenmör-der als Kunstliebhaber oder die kalmierende Wirkung der Musik auf Verbrecher – ein Spezialthema für Pyscho-Analytiker. Der jungen Anita, deren Antrieb die in-dividuelle Selbstbehauptung im kollektiven Terrorapparat war, ermöglichte die Musik die partielle Wahrung ihrer „Identität“. Sie schreibt über ihr Leben im Lager: „Es unterschied sich von dem der Mehrzahl der Gefangenen durch mein Glück, dem Orchester anzugehören. Neben den offensichtlichen Vorteilen war das Wichtigste, daß ich, obwohl ich kahlgeschoren war und eine Nummer auf dem Arm trug, meine Identität trotzdem nicht vollständig verloren hatte.“ (S. 116) Als 'privilegierter' Häftling konnte Anita auch ihre gleichfalls nach Auschwitz de-portierte Schwester Renate abschirmen. Ende 1944 erfolgte der Abtransport nach Bergen-Belsen, wo der Tod reiche Ernte hielt. „Sehr bald wurden Tote so alltäg-lich, daß man sie kaum mehr beachtete. […] In Belsen krepierte man einfach.“ (S.136)16 Im April 1945 erfolgte die Befreiung durch britische Truppen. Die Schwestern kehrten nach diversen Schwierigkeiten ins 'bürgerliche' Leben zurück. Anita Lasker-Wallfisch wurde in London als Cellistin Mitglied des von ihr mitge-gründeten English Chamber Orchestra.
Die Bewältigung der im KZ erlittenen Beschädigungen ist für die Überlebenden ein sie lebenslang bedrängendes Problem. Es sind zutiefst traumatische Erfahrun-gen, die sich nicht abstreifen lassen, die ihre Spuren unverwischbar in der Psy-che, im Bewußtsein der Lebenden hinterlassen, ob es sich um die eigene Person, die Toten oder die Täter handelt. Auch zeigt sich, vor allem bei den jüdischen Opfern, häufig eine fast 'mystische' Verbindung zu den Ermordeten, die vielfach eine Art Schuldgefühl aufkommen läßt: Warum sind die Anderen umgebracht worden? Warum habe ich überlebt? Die Toten lassen sich nicht verdrängen, und man will sie nicht verdrängen. Sie lasten schwer auf den Überlebenden. Auch wollten und wollen viele Überlebende sich nicht auf den Opferstatus reduzieren lassen. Es zeigt sich auch ein Widerstand gegen den Terrorapparat, dem die Häftlinge ausge-liefert sind. Dieser Widerstand kann sich äußern in alltäglichen Überlebenstech-niken wie in demonstrierter Arbeitskraft, aber auch in kreativen, künstlerischen Impulsen. Im Untergrund der Lager gab es auch den fast organisierten Widerstand vor allem politischer Gruppen. Es kommt auch zu Aufständen. „Selbst in den To-deslagern von Treblinka und Sobibor gibt es blutige Aufstände, in Auschwitz-Birkenau stecken tapfere Häftlinge sogar ein Krematorium in Brand.“17 Diese Re-volten wurden von der SS brutal niedergeschlagen. Das stärkste Zeichen jüdischen Widerstandes ist der verzweifelte, mutige Aufstand im Warschauer Ghetto vom Ap-ril 1943.
Ein eindrucksvolles Beispiel des kreativen Widerstandes ist die Vita von Ruth Klüger. In ihrer scharfsinnigen, perspektivenreichen Autobiographie weiter le-ben. Eine Jugend (1992)18 schildert die 1931 in Wien geborene Jüdin ihr Leben von der Kindheit in Wien über die Deportation in die Lager (Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt [Groß-Rosen]) bis zur Nachkriegszeit in Deutschland und den USA. Sie zeichnet mit großer Sprachkraft ein facettenreiches Bild ihrer persönlichen Situation, der familiären Bindungen und der totalitären Epoche. Stark ausgeprägt ist das reflexive Moment. Die Autorin ist schon als Kind von geistiger Mobilität. Schon als Kind stellt sie den Erwachsenen ständig Fragen – die unzulänglich beantwortet werden. Im Laufe der Zeit zeigt sich dann immer entschiedener der Impetus, auf die Wirklichkeit reflektierend, kritisch zu reagieren. Die Autorin beschränkt sich nicht auf die Darstellung der Fakten, sondern ihr Bericht ist geprägt vom Dreiklang Fakten, Deutung, Kritik. Es ist ein permanentes Wechselspiel von präzisen Beobachtungen, scharfsichtigen Refle-xionen und kritischen Wertungen. Dabei vermeidet die Autorin aufgrund ihrer 'ge-sunden' Skepsis das Heißlaufen der Gefühle und wahrt bei allem Betroffensein immer auch analytische Distanz zum Geschehen. Sie verzichtet auf ein einheitli-ches, geschlossenes Erzählkontinuum und bevorzugt stattdessen eine offene, asso-ziative Erzählform. Dies ermöglicht ihr das freie, bewußt sprunghafte Kombinie-ren harter Realitätselemente, kritischer Reflexionspartien, ironisierter Bil-dungsrelikte. Es ergibt sich ein spezifischer Fragment-Stil, ein assoziatives Aufreihen von Episoden, Gedanken, Gefühlen, von Gegenwärtigem, Vergangenem, Zu-künftigem. In einem aufgelockerten Sprachstil, der aber in der Detailbeschrei-bung und -analyse die relevanten Einzelereignisse konzentriert artikuliert, wird die individuelle Existenzsituation zum Signalement zeitgeschichtlicher Probleme, in der Mischung von Dokumentation und Zeitkritik. Deprimierend aus der Erfahrung und Perspektive der Autorin ist der Kontrast zwischen der Opfersituation und dem Zeitgeist, wobei dies nicht nur die antisemitischen, sondern auch die gleichgül-tigen Zeitgenossen betrifft. Es sind nicht nur die Täter und die antisemitischen Schwadroneure, sondern auch die indifferenten Bürger, jene saturierten, die NS-Verbrechen kaschierenden und relativierenden Egoisten, die den Protest der Auto-rin schon in frühen Jahren herausfordern.
Schon die Kindheit in Wien ist geprägt von einer bedrückenden, repressiven Atmosphäre. Das aufgeweckte Kind stellt viele Fragen, antwortlose Fragen, wie die Frage nach dem Sterben, „da ich nichts wissen darf, was mit dem Sterben zu tun hat. Obwohl es ja nichts anderes gibt, worüber es sich lohnte zu reden.“ (S.10) Die Gefahren sind massiv spürbar. „Unten auf der Straße liefen die Nazi-buben herum, mit ihren kleinen spitzen Dolchen, und sangen das Lied vom Juden-blut, das vom Messer spritzt. Man mußte nicht sehr schlau sein, um das zu ver-stehen“ (S. 10). Die Schülerin besucht eine Zeitlang die „Judenschule“ in einer „arischen Umwelt“. Die Bevölkerung war weitgehend antisemitisch eingestellt. „Man trat auf die Straße und war in Feindesland.“ (S. 16) Die „Weltstadt“ Wien war „freudlos“ und „kinderfeindlich. Bis ins Mark hinein judenkinderfeindlich.“ (S. 68) Symptomatisch ist der latente Antisemitismus der 'normalen' Bürger. „Ich sehe meinen Vater in der Erinnerung höflich den Hut auf der Straße ziehen, und in der Phantasie sehe ich ihn elend verrecken, ermordet von den Leuten, die er in der Neubaugasse begrüßte, oder doch von ihresgleichen.“ (S. 29) Die Ermordung des Vaters, der nach Frankreich geflohen war und 1944, von den „Franzosen den Deutschen ausgeliefert“, nach Auschwitz deportiert wurde, wird für die Autorin jahrzehntelang zu einer schweren seelischen Belastung. Er ist „wohl sofort nach der Ankunft ins Gas geschickt worden. Mir aber gelang es, diesem Gedanken hart-näckig auszuweichen, indem ich mir einredete, er hätte noch auf dem Transport Selbstmord machen können“, da er als Arzt sicher Tabletten bei sich gehabt hatte (S. 35).
Ein Mittel der Bewältigung des Schrecklichen ist das Schreiben von Gedichten. So verfaßt die Autorin ein umfangreiches Gedicht auf den Vater, das sie in kom-mentierenden Bemerkungen als Vater-Tochter-Mythos deutet, in dem sie sich selbst als eine Antigone sieht, als „eine Antigone in Kolonos, deren Vater gar nicht stirbt, sondern in eine Apotheose steigt“ (vgl. S. 36f.). Das Gedicht als Thera-peutikum – dies ist ein zentraler Antrieb der Autorin. Es ist daher nur konse-quent, daß sie erklärt: „Ich meine nicht, daß man 'keine Gedichte nach Ausch-witz' schreiben dürfe.“ (S. 38) Sie beharrt allerdings auf „sinnträchtigen Sät-zen“. Nun kann jedoch der Fall eintreten, daß man sich aus „zähneklappernder Angst“ der „Wahrheit“ nicht stellt. So schreibt die Autorin über ihr Gedicht: „Was hier nicht zur Sprache kommt, ist die knirschende Wut, die unsereiner ir-gendwann haben muß, um den Ghettos, den KZs und den Vernichtungslagern gerecht zu werden, die Einsicht, daß sie eine einzige große Sauerei waren, der mit kei-ner traditionellen Versöhnlichkeit und Märtyrerverehrung beizukommen ist.“ (S. 38) Es zeigt sich eine Abwehrhaltung gegen die unvermittelte, krude Darstellung des Schrecklichen im Gedicht. Das Gedicht scheint sich gegen die pure Darstel-lung des Furchtbaren zu sträuben. Man könnte geradezu von einer Sprachlosigkeit des Gedichts gegenüber dem Entsetzlichen sprechen. Dennoch enthält die Autobio-graphie eine Reihe von Auschwitz-Gedichten, Gedichte der Jugendlichen und der Erwachsenen. Aber diese Gedichte vermitteln das Geschehen in metaphorischer, symbolischer Transparenz. So lauten Verse aus dem 1944 geschriebenen Gedicht mit dem Titel Der Kamin:
Täglich hinterm Stacheldraht
Steigt die Sonne purpurn auf,
Doch ihr Licht wirkt öd und fad,
Bricht die andre Flamme auf.
Denn das warme Lebenslicht
Gilt in Auschwitz längst schon nicht.
Blick zur roten Flamme hin:
Einzig wahr ist der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.
(S. 126, vgl. S. 107)
Die Verse sind eine Art Gegenentwurf gegen das Schreckliche, eine Selbstbe-freiung. Man müsse „die Schlauheit durchschauen, die es mir eingab, das Trauma der Auschwitzer Wochen in ein Versmaß zu stülpen. Es sind Kindergedichte, die in ihrer Regelmäßigkeit ein Gegengewicht zum Chaos stiften wollten, ein poetischer und therapeutischer Versuch, diesem sinnlosen und destruktiven Zirkus, in dem wir untergingen, ein sprachlich Ganzes, Gereimtes entgegenzuhalten; also eigent-lich das älteste ästhetische Anliegen.“ (S. 126f.) Die Wiedergabe der Fakten muß mit ihrer Deutung verbunden werden. „Wer mitfühlen, mitdenken will, braucht Deu-tungen des Geschehens. Das Geschehen allein genügt nicht.“ (S. 128) Und so deu-tet die Autorin denn auch „die Todesmaschine als Herr der Lager“, die an die Stelle der Sonne tritt (S. 125). Das Gedicht wird zum hilfreichen „Zauberspruch“ (S. 124). Die junge Ruth, die im Lager „Gedichte aufgesagt und verfaßt“ hat, leistet damit Mithäftlingen Beistand: „Viele KZ-Insassen haben Trost in den Ver-sen gefunden, die sie auswendig wußten.“ (S. 123) Sie selbst vermag durch Verse manche Beschwernisse zu überstehen, beispielsweise die harten Stunden auf dem Appellplatz: „Die Schillerschen Balladen wurden dann auch meine Appellgedichte, mit denen konnte ich stundenlang in der Sonne stehen und nicht umfallen, weil es immer eine nächste Zeile zum Aufsagen gab“ (S. 124). Das Gedicht wird zum A-potropäum. Ständig ist Ruth mit Lyrismen befaßt, entweder mit eigenen Versen oder Versen aus dem klassischen Bildungsgut. Die Gedichte üben eine Doppelfunk-tion aus: das (präsentische oder retrospektive) Festhalten des Schrecklichen im Wort und die Selbstbehauptung gegenüber dem Schrecklichen durch das Wort. Das Wort ist ein magisches Wort, mit dem das Vergangene wieder verlebendigt werden kann. „Erinnerung ist Beschwörung“, Beschwörung des Schrecklichen, da „ich nicht an Gott glaube, aber an Gespenster schon“, und da sind Gedichte „Beschwörungs-formeln“ (S. 79). Diese Neigung zur kreativen Reaktion auf desolate Zustände zeigt sich schon bei der Jugendlichen, ja bei dem Kind, etwa im Bildungshunger, Lesetrieb und Versemachen. Schon die Schülerin ist eine geistige Existenz. Dabei sind ihre geistigen Impulse nicht nur reaktiv, apotropäisch, sondern auch ein angeborener kreativer Antrieb. Jedenfalls haben Verse sie gefährlichste Lebens-situationen überstehen lassen. Auch bei ihr spielt die Kunst eine befreiende Rolle. So wie für Anita Lasker-Wallfisch die Musik lebensrettende Bedeutung hat-te, so war für Ruth Klüger die Lyrik ein lebenserhaltender Faktor. Bei beiden Damen ist dann die Kunst in ihrem weiteren Leben eine zentrale Kraft, ja die conditio humana. Ruth Klüger hat trotz aller Entsetzlichkeiten die Lager über-standen. Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie eine Odyssee von Verfolgung, Flucht und Befreiung durchlebt. In einer feindseligen Umwelt gab es vereinzelt auch menschliche Solidarität. So hat die Schreiberin eines selektierenden SS-Mannes, nicht ohne Gefahr für die eigene Person, die dreizehnjährige Ruth veranlaßt, sich als Fünfzehnjährige auszugeben, so daß sie nicht ins Gas, sondern zur Ar-beit geschickt wurde (vgl. S. 133f.). „Das hab ich erlebt, die reine Tat.“ (S. 135) Auf der Flucht stellt ein Pfarrer Mutter und Tochter rettende Pässe aus, „die dann bis zu Kriegsende unsere Identität sicherstellten. Es war ein unver-gleichliches Geschenk. […] Daß er sich strafbar machte, rührte ihn überhaupt nicht, er wollte nur wiedergutmachen.“ (S. 180) Ruth hatte in ihrem „kurzen Le-ben keine Beweise christlicher Nächstenliebe zu verzeichnen gehabt“, aber dieser Geistliche „war wirklich ein Christ, wie die Christen sagen würden. Die Juden würden sagen, er war ein Zaddik, ein Gerechter. Es hat ihn gegeben.“ (S. 179f.) Auf der Flucht und nach der Befreiung setzt sich Ruth Klüger kritisch mit den Zeitereignissen und Zeitstimmungen auseinander. Sie beklagt die Gleichgültigkeit der Bevölkerung gegenüber der jüdischen Katastrophe, ist irritiert von den „ganz glaubwürdigen Gerüchten über die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen durch die Russen“ (S. 179) und vermißt zunächst bei den Amerikanern ein Engagement in der jüdischen Frage. Aber es sind dann doch die Amerikaner, die ihr ein neues Leben ermöglichen. Sie wandert 1947 in die USA aus, betreibt dort Literaturstu-dien und ist heute Literaturwissenschaftlerin, Germanistin, in Kalifornien, in Irvine.19
Eine sachliche, präzise Dokumentation verbrecherischer NS-Aktivitäten gegen-über Juden ist Mietek Pempers Der rettende Weg. Schindlers Liste – die wahre Geschichte (2005).20 Es ist ein Erlebnisbericht aus der Hölle der NS-Vernichtungspraktiken. Hier hat ein Zeitzeuge des Geschehens einen materialrei-chen Befund und eine analytische Bestandsaufnahme vorgelegt, verifiziert durch die persönliche Erfahrung. Der 1920 in Krakau geborene Mietek Pemper wurde als jüdischer Häftling vom März 1943 bis September 1944 abkommandiert zum Schreiber, Stenographen, Dolmetscher, 'Sekretär' des SS-Kommandanten Amon Göth, der im Zwangsarbeitslager und Konzentrationslager Krakau-Plaszów ein Schreckensregiment führte. Semper hatte keine Möglichkeit, sich dieser Funktion zu widersetzen. Eine Weigerung hätte seine sofortige Liquidierung zur Folge gehabt. Aber diese Tätigkeit bot ihm die Möglichkeit, den Mithäftlingen manche Hilfe zu leisten, ihnen Erleichterungen zu verschaffen, ja in einigen Fällen Deportationen einzel-ner Personen zu verhindern. Dies war nur möglich, weil Semper aufgrund seiner Intelligenz, seiner Zweisprachigkeit und seiner Ausbildung (Jura- und Betriebs-wirtschaftsstudium) für den umtriebigen Göth zu einer unentbehrlichen Hilfskraft wurde. Semper gewann Einblick in Organisation und Planungen des Terrorapparats und die menschenverachtenden Praktiken und korrupten Machenschaften Göths. Auch hatte er Kenntnisse von Interna, die eigentlich der Geheimhaltung unterlagen. Er nutzte sein Wissen zu seiner subversiven Tätigkeit, den verdeckten Hilfsaktio-nen für Mithäftlinge, die er klug, mit viel taktischer Finesse betrieb. Dies war ein nicht ungefährliches Unterfangen. Hätte Göth das Doppelspiel seines Schrift-führers durchschaut, wäre es dessen Ende gewesen. Göth war ein ungemein brutaler Mensch, ein gewalttätiger Typ mit sadistischen Zügen, ein gefährlicher Choleri-ker, der in plötzlichen Wutanfällen zu jedem Verbrechen fähig war, ein notori-scher Mörder. Semper berichtet: „Ich sitze in der Kommandanturbaracke beim Dik-tat. Während er spricht, sieht er in den Außenspiegel an seinem Fenster, mit dessen Hilfe er das Gelände vor der Baracke überblicken kann. Plötzlich steht er auf, nimmt eines der Gewehre von der Wand, öffnet rasch das Fenster. Ich höre einige Schüsse, dann nur Schreie. Als hätte nur ein Telefonat das Diktat unter-brochen, kommt Göth zum Schreibtisch zurück und fragt: 'Wo waren wir stehen-geblieben?'“ (S. 71) Göths Exzesse verbreiteten im Lager Angst und Schrecken. Kein Häftling konnte seines Lebens mehr sicher sein. „Wenn Göth sonst eine In-spektion vornahm oder unerwartet irgendwo auftauchte, kam es nicht selten vor, daß er einen Häftling mit oder ohne Grund einfach erschoß.“ (S. 96) „Dabei war ein Schuß aus seinem Revolver ein komfortabler Tod, verglichen mit dem Zerreißen durch Göths Hunde.“ (S. 162) Die Lagerinsassen waren vogelfrei, jeder Willkür der SS ausgeliefert. Bei den SS-Männern entwickelte sich ein exzessives Machtge-fühl, da sie als 'Herrenmenschen' schrankenlose Gewalt über die inhaftierten 'Untermenschen' hatten. So „spielten sich die meisten der SS-Leute als Herren über Leben und Tod auf. Entsprechend lebten wir in ständiger Verunsicherung und Todesangst.“ (S. 91) Was die Psychologie der SS-Täter betrifft, so handelt es sich in vielen Fällen um einen durch die NS-Rassentheorie ideologisch verbrämten Tötungstrieb, das hemmungslose Ausleben sadistischer Impulse. Zugleich gibt es, vor allem in den Vernichtungslagern, in Auschwitz, Maidanek, Treblinka, die küh-len Tötungsspezialisten, die den Massenmord wie einen technischen Prozeß rein mechanisch betrieben. Zudem war die Vernichtungsmaschinerie für die Täter ein sie vor Kriegseinsatz abschirmender 'Job'. Es war ungefährlicher, wehrlose Juden umzubringen, als an der Ostfront russische Panzer zu stoppen. Daß dabei der NS-Rassenwahn, die perfekte, perfide antisemitische Propaganda, wie sie besonders von Goebbels betrieben wurde, die Gehirne der Täter vernebelte und ihnen ihre Aktionen als Pflichterfüllung gegenüber dem deutschen Volk und der arischen Her-renrasse erscheinen ließ, steht außer Frage. Aber ebenso sind Machtwille, Selbstinszenierung und Sadismus Antriebskräfte der Täter. Es gab hier allerdings auch Ausnahmen. Semper berichtet von einem SS-Mann, dem Göth befiehlt, eine jü-dische Frau und ihr Kind zu erschießen. Die Frau war mit gefälschten Papieren aufgegriffen worden. „'Erschießen Sie sie!' sagt Göth, ohne auch nur einen Blick auf die Frau und das Kind zu werfen. Dworschak schießt das Blut ins Gesicht, dann sagt er leise, aber deutlich: 'Das kann ich nicht.'“ Göth tobt. Aber Dwor-schak verweigert weiterhin die Ausführung des Befehls. „Dworschak stammelt nur immer wieder: 'Das kann ich nicht … das kann ich nicht … ' Schließlich läßt Göth Dworschak wegtreten.“ (S. 149) Frau und Kind wurden dann von einem Polizeiober-wachtmeister erschossen. Semper fügt hinzu: „Ich weiß, daß sich die SS-Leute nicht scharenweise zu den Exekutionskommandos meldeten, obwohl es dafür zusätz-lich Schnaps und Zigaretten gab.“ (S. 151) Das KZ Krakau-Plaszów war kein Ver-nichtungslager, aber es war ein Zwangsarbeitslager, aus dem immer wieder Häft-linge, vor allem Juden, bei Arbeitsunfähigkeit in Vernichtungslager deportiert wurden. Außerdem waren die Häftlinge Mißhandlungen und abrupten Tötungen ausge-setzt. In diesem Reich der infernalischen Menschenverachtung gab es aber auch Widerstand, den moralischen Widerstand. Nur selten war es möglich, diesen Wider-stand in konkrete Taten umzusetzen. Aber es gab Oskar Schindler, der Juden vor dem sicheren Tod rettete, aus mitmenschlicher Solidarität mit den Opfern. Mit taktisch klugem Verhalten, mit allen nur möglichen Täuschungsmanövern gelingt es ihm, die SS und speziell Göth hinters Licht zu führen. Es entwickelt sich insge-heim eine Art Bündnis zwischen dem SS-Mann Schindler und dem Funktionshäftling Semper. Semper, aufgrund seiner Schreibarbeit mit den Absichten Göths vertraut, informiert Schindler über Göths Vorhaben, so daß Schindler vorbeugende Maßnahmen ergreifen kann. Schindler sucht den Kontakt zu Göth und spielt dessen freund-schaftlichen Genossen. „Seit März 1943 tat Schindler so, als wäre Göth sein ech-ter Freund und Gesinnungsgenosse. In Wirklichkeit aber nutzte er den Kontakt zu Göth, um seine jüdischen Arbeiter zu beschützen.“ (S. 98) Mit lukrativen Ge-schenken hat er die zuständigen SS-Größen bestochen und sie so für seine Vor-schläge günstig gestimmt. Da mit der für die Wehrmacht nach Stalingrad immer kritischeren Lage an der Ostfront die Rüstungsproduktion zu einem entscheidenden Arbeitsfaktor auch in den Lagern wurde, kam es darauf an, den zuständigen Stel-len ein Höchstmaß an Effizienz mitzuteilen. Eine Täuschungsmethode war der (le-bensgefährliche) „Trick mit den Produktionstabellen“ (S. 110), d.h. mit überzo-genen Erfolgslisten. Da die SS-Behörden dazu übergingen, die nicht kriegswichti-gen Arbeitslager, die Lager ohne „siegentscheidende Produktion“ (S. 119), aufzu-lösen und ihre Insassen zu deportieren (s. S. 125), baute Schindler, nach ent-sprechenden Warnungen Sempers, die „Rüstungsproduktion in seiner Fabrik ver-stärkt aus, vor allem die Herstellung von Granatenteilen“ (S. 120). So konnten die in Plaszów im Fabriklager Schindlers arbeitenden Juden gerettet werden. Schindler hat zudem Juden aus dem Lager Brünnlitz gerettet. So ergab sich in „Schindlers Liste“ „am Ende die Zahl von etwa 1200 Häftlingen“ (S. 112).21 Nun hat man auch die Frage nach den Geschäftsinteressen Schindlers aufgeworfen, wie man auch auf seine erotische Libertinage hingewiesen hat.22 Semper konstatiert: „Schindler entwickelte sich in diesen Jahren von einem profitorientierten Ge-schäftsmann zu einem überzeugten Lebensretter.“ (S. 190) Schindler legt aller-dings Wert darauf, „daß meine Wandlung nicht nach dem 20. Juli 1944 eintrat, wo längst alle Fronten zusammenkrachten und viele nicht mehr wollten, sondern vier Jahre vorher, wo deutsche Blitzkriege der Welt den Atem nahmen“ (S. 190). In Sempers Bericht dominiert der Kontrast Göth-Schindler. Dieser Gegensatz hat über die konkreten Vorgänge hinaus symbolische Bedeutung: Göth als Inkarnation des Bösen, Schindler als Verkörperung der Menschlichkeit. Entscheidend sind die selbstlosen Rettungsaktionen Schindlers. Wenngleich er kein „Heiliger“ war (S. 96), zeigte er „in allen Situationen entschlossene Tatkraft und tiefe Mensch-lichkeit, die darin ihren Ausdruck fand, daß er 'seinen Juden' um jeden Preis helfen und sie am Leben erhalten wollte“ (S. 111). In der Tat gebührt Schindler jede Anerkennung. Wo Politiker, Kulturträger, Kirchenfürsten sich durch ihr Schweigen zur jüdischen Katastrophe der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben, hat Schindler gehandelt. Das kann nicht genug gewürdigt werden. Sein Antipode Göth, der sich bereits wegen Mißachtung seiner Vorgesetzten und Eigenmächtigkeiten bei den übergeordneten Instanzen unbeliebt gemacht hatte, wurde im September 1944 wegen Korruption von der SS verhaftet. Die willkürlichen Erschießungen waren schon vorher eingestellt worden. Strafen bedurften nun der Genehmigung der übergeordneten SS-Behörde (vgl. S. 164). Nach dem Krieg wurde Göth in Krakau in einem Prozeß August/September 1946, in dem Semper als Zeuge auftrat, wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (S. 240), wegen der Verant-wortung als Lagerkommandant „für die Ermordung von achttausend Menschen allein im Lager Plaszów“ (S. 239), zum Tode verurteilt und dann hingerichtet. Semper, der in mehreren Prozessen gegen NS-Täter als Zeuge aufgetreten ist oder als Dol-metscher fungierte, stellt im Hinblick auf die Haltung der Angeklagten fest: „Kein Bekenntnis der Trauer um den Tod der vielen unschuldigen Opfer, keine Ent-schuldigung, keine Abbitte, keine Reue.“ (S. 256) Bei aller Skepsis hebt Semper aber auch die Charakterstärke integrer Personen hervor. So verweist er auf den Betriebswirtschaftler Eugen Schmalenbach und den Philosophen Karl Jaspers, die sich weigerten, sich von ihren jüdischen Frauen zu trennen (s. S. 230). In sei-nem Résumé betont Semper die Notwendigkeit der Erinnerung. „Wir können aus der Geschichte nicht aussteigen.“ (S. 265) Erst aus der Vergegenwärtigung des Ver-gangenen kann Zukunft gestaltet werden. „Wir alle tragen die Verantwortung für eine bessere Zukunft.“ (S. 266) In der moralischen Bewertung des Geschehenen spricht sich Semper für Differenzierung aus. „Ich vermeide bei meinen Vorträgen pauschale Urteile und hüte mich vor Schwarzweißzeichnungen.“ (S. 264) Es gibt nicht die „Kollektivschuld“, sondern die „individuelle Verantwortung“ (S. 265). Die aber muß eingefordert werden. Angesichts des „saeculum horribile“ lautet die Maxime: „Erziehung des Menschen zum Menschen!“ (S. 266)
Es ist ein Spezifikum der Nachkriegseuropäer, den Massenmord an den Juden mit dem Mantel des Schweigens, der Verdrängung oder des Relativierens zu bedecken. Dies betrifft anscheinend die Mehrheit der Bevölkerung. Es war und ist zumeist eine Minorität von Intellektuellen und Moralisten, die sich engagiert mit dem Genozid an den Juden auseinandersetzen. Dies gilt nicht nur für Deutschland, das Land der Täter bzw. das Land, in dem eine verbrecherische Regierung den Genozid anordnete und organisierte, sondern auch für Länder wie Frankreich und Italien, in denen man die Deportationen duldete, wenn nicht gar, wie unter dem Pétain-Regime, unterstützte. Damit sind Länder wie Dänemark, die Niederlande oder Grie-chenland, Opfer der Hitlerschen Eroberungspolitik, nicht belastet. Aber in ihrer zeitgeschichtlichen Forschungsarbeit Der Holocaust in den Zeugnissen griechi-scher Jüdinnen und Juden (2003)23 konstatiert Tullia Santin: „Der Umgang mit dem Holocaust, mit der Vernichtung des europäischen Judentums, darunter auch der griechischen Jüdinnen und Juden, war in Griechenland über Jahrzehnte von Sprach-losigkeit gekennzeichnet“. (S. 11) Dieses Rezeptionsdefizit hat Frau Santin durch eine klare, präzise Dokumentation und Analyse ausgeglichen. Sie verbindet die Beschreibung der deutschen Besatzungspolitik mit einer Dokumentation von Aussagen jüdischer KZ-Häftlinge und Deutungen der Psychologie der Täter und Op-fer sowie der Reaktion der christlichen Bevölkerung auf die antisemitischen Maß-nahmen der Besatzungsmacht. Dies ergibt ein breitbasiertes, differenziertes Bild der Lage. Die Darstellung besteht aus einer Mischung von Fakten, Reaktionen und Deutungen. Wie in allen von der Wehrmacht besetzten Ländern findet auch in Grie-chenland die Judenverfolgung statt. Aber im Unterschied zu Polen und der Sowjet-union, wo sofort nach dem Einmarsch deutscher Truppen die nachrückenden Einsatz-kommandos der SS und des SD auf Menschenjagd gingen und in Sonderaktionen Juden exekutierten, erfolgte in Griechenland die Judenverfolgung in einem langsameren, sich aber stetig steigernden Prozeß. Zunächst sind es die üblichen Schikanen, Entwürdigungen und Unrechtspraktiken, dann werden die antisemitischen Aktivitä-ten immer erbarmungsloser, es kommt zu Mißhandlungen und Tötungsdelikten, und schließlich erfolgt die Deportation der griechischen Juden in die Vernichtungs-lager. Die in Thessaloniki konzentrierten griechischen Juden sind fast alle um-gebracht worden. Es sind fast 49.000 Opfer zu beklagen (vgl. S. 97). „Bis zum 10. August 1943 verließen 18 Transporte mit insgesamt 45.123 Juden und Jüdinnen aus der gesamten deutschen Besatzungszone Thessaloniki in Richtung Auschwitz. Die meisten von ihnen wurden direkt in die Gaskammern geführt.“ (S. 21)24 „Ins-gesamt kamen von 71.611 griechischen Juden und Jüdinnen 58.885 während der nati-onalsozialistischen Herrschaft gewaltsam um.“ (S. 29)25
Die Autorin hat eine Reihe authentischer Zeugnisse jüdischer KZ-Häftlinge aus Griechenland zusammengestellt. Der Erkenntniszuwachs der Darstellung besteht darin, daß nicht nur Fakten mitgeteilt, sondern auch die unterschiedlichen Per-spektiven, Gefühlslagen und Wertungen der Schreibenden sowie die verschiedenen Schreibgattungen (Brief, Erlebnisbericht, Autobiographie) und die unterschiedli-chen Zeitebenen (unmittelbare und spätere Niederschrift) berücksichtigt werden. Zudem gibt es verschiedene Funktionen des Schreibens. Sie reichen vom sachlichen Feststellen der Fakten über das Bestreben, „Zeugnis abzulegen“ (S. 66), das Ge-schehen nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, sondern der Weltöffent-lichkeit mitzuteilen, bis zum Selbstschutz, zur therapeutischen Funktion der „seelischen Erleichterung“ (S. 66). Diese Differenzierungen verleihen der Be-standsaufnahme einen komplexeren Hintergrund. Aus den unterschiedlichen Perspek-tiven und Absichten ergibt sich ein Gesamtbild des Geschehens in seiner Vielfäl-tigkeit. Auch ist der Zeitpunkt der Niederschrift zu berücksichtigen. Neben den spontanen, unmittelbaren Aufzeichnungen in der konkreten Situation der Lagerhaft stehen die im Abstand von Jahren verfaßten Niederschriften, die die Vergegenwär-tigung der realen Situationen vielfach mit autobiographischen und zeitgeschicht-lichen Aspekten verbinden. Wenngleich in der Rückblende das individuell Erlebte vielfach in größerem Zusammenhang gesehen und gedeutet wird, nicht zuletzt mit Hinblick auf die Schuldigen, so sind doch die aus der Erinnerung fixierten Situ-ationen und Lageberichte unmittelbar gegenwärtig. Das heilt nie. Das läßt sich nicht abstreifen. Das ist immer präsent. Das ist in die Haut geätzt. Der Terror gegen die Juden findet in Griechenland mit taktischen Verzögerungen statt, dann aber werden schon bald die antijüdischen Maßnahmen immer brutaler. So sind die am 11. Juli 1942 in Thessaloniki auf dem Platz der Freiheit zur Zwangsarbeit rekrutierten „annähernd 9.000 jüdischen Männer“ schweren Mißhandlungen ausge-setzt. „Sie schlagen sie, sie prügeln sie zu Tode“ berichtet ein jüdischer Bür-ger (S. 162/163). Dann setzen die Deportationen ein. Über die Ankunft der Trans-porte in Auschwitz berichtet ein Augenzeuge: „Zwischen den elektrisch geladenen Drahtzäunen sahen wir die endlose Reihe der Opfer vorbeiziehen, die in das Kre-matorium geführt wurden. Das Pfeifen des Zuges, das sich mit den Akkorden der Geigen vermischte, kündigte die Ankunft einer neuen, für die Öfen bestimmten Ladung an. Dieses Schauspiel war so natürlich geworden, daß sich niemand mehr daran störte, die Neuankömmlinge vorbeimarschieren zu sehen, während jene, wenn sie diese schöne Musik hörten und aus der Ferne die Vergnügungen sahen, sich fragten, ob sie vielleicht träumten.“ (S. 49) Im KZ ist alles auf Vernichtung abgestellt. Die nicht in den Gaskammern ermordeten Menschen hatten eine „durch-schnittliche Lebenserwartung von drei Monaten, sofern man nicht das Glück hatte, einem geschützteren Kommando zugeteilt zu werden“ (S. 133). Es kommt auch zu bestialischen Grausamkeiten. Unfaßbar sind die sadistischen Exzesse des Ober-scharführers Moll, des Leiters der Auschwitzer Krematorien: „Blind, klein, jede Sekunde zwinkerte er mit dem rechten Auge. Er war das Monster, das zum Vergnügen die Alten im Abstand von 15-20 Meter aufstellte und ihnen in die verschiedenen Körperteile schoß, in die Augen, in die Ohren, in den Penis, auch sonst überall hin, und danach schmiß er sie in die Grube. Er war der Schrecken des Lagers“; es war eine Spezialität Molls, „nackten Frauen in den Unterleib zu schießen“ (S. 188).
Vor dem Hintergrund der durch Augenzeugen beglaubigten Fakten wirft die Auto-rin die Frage nach Reaktion und Psychologie der Opfer, der Täter und der Bevöl-kerung auf. Das Kernproblem der Opfer ist die Bewahrung ihrer Identität. Es ging darum, sich nicht zum bloßen Menschenmaterial bzw. zu nicht-menschlichen Lebewe-sen degradieren zu lassen. War man zunächst unter dem Besatzungsregime bemüht, trotz aller Repressalien die eigene „nationale, ethnische und religiöse Identi-tät“ zu bewahren, so sind im Konzentrationslager „Menschenwürde und Persönlich-keit“ extrem gefährdet (S. 107). Im Verlust der Identität ist, wie ein Häftling gleich nach der Befreiung konstatiert, der Gefangene „einem Tier gleichgemacht“ (S. 108). Im KZ geht es ums nackte Überleben. Es ist der Überlebenstrieb, der Häftlinge immer wieder anstachelt, sich der Vernichtung zu entziehen, sei es durch praktisches Handeln, durch Beschaffung zusätzlicher Nahrung (Brot), sei es durch Einordnung in bestimmte Arbeitskommandos, sei es durch geistige Energie, einen inneren Widerstand und den Willen, sich nicht in Verzweiflung und Apathie versinken zu lassen, sondern um jeden Preis zu überleben. Leider war dies nur einer Minorität möglich. Zudem hing Tod und Leben arbeitsfähiger Juden, die man im Unterschied zur überwältigenden Mehrheit der Juden nicht gleich ins Gas schickte, häufig von Zufällen ab, Launen der Wachmannschaften, Exzessen der SS, ruinösen Arbeitseinsätzen. Abermals kann die Musik rettend sein. Eine jüdische Pianistin, Mitglied des Lagerorchesters, „berichtete, so lange sie ihren [der Klaviatur des Flügels] Kontakt spüre, könne ihr nichts geschehen“, und ein jüdi-scher Musiker schreibt: „Die Musik hat mir erlaubt, das Unerträgliche zu ertra-gen“ (S. 127). Das Musizieren befreit vom massiven Druck der Wirklichkeit. „Kunst und Kultur bildeten einen Gegenpol zur Realität. Sie lenkten ab und er-laubten, ähnlich wie das Schreiben, kurzfristig in eine Scheinwelt einzutau-chen.“ (S. 128) Aber es geht bei alledem nicht nur um die Rettung des Einzelnen, sondern auch um das Überleben des jüdischen Volkes, des Judentums. Die Autorin verweist auf den Rabbiner und Philosophen Emil Fackenheim, der in seinem Beitrag Die gebietende Stimme von Auschwitz (1982) erklärt: „Es ist den Juden verboten, Hitler nachträglich siegen zu lassen. Es ist ihnen geboten, als Juden zu überle-ben, damit das jüdische Volk nicht untergehe.“ (S. 117) Die jüdische Solidarität zeigt sich im übrigen auch im Schuldgefühl mancher Überlebender gegenüber den Ermordeten. In einer fast magischen Verbindung mit den Toten empfindet man das eigene Überleben als einen Mangel an Solidarität mit den Dahingerafften. Dieses Schuldgefühl ist allerdings bei griechischen Juden weniger stark ausgeprägt als bei deutschen Juden (vgl. S. 120). Was Motivation und Psychologie der Täter be-trifft, so werden die Täter weniger aus der Täter- als vielmehr aus der Opfer-perspektive gekennzeichnet. Die Täter werden in der Opferperspektive „schlicht 'die Deutschen'“ genannt (S. 185). Kaum begreift man, daß aus dem „Volk der Dichter und Denker“, einem „Volk, das Beethoven, Goethe und Heine hervorgebracht hatte“ (S. 154), der antijüdische „Fanatismus der Deutschen“ (S. 160) und die „hervorragend dressierten Bestien“ der SS (S. 185) erwachsen konnten. Hinsicht-lich der Reaktion der griechischen Bevölkerung auf die Judenverfolgung konsta-tiert Santin, daß die christliche Bevölkerung trotz eines latenten, offenen und unterschwelligen, Antisemitismus die Verfolgten vielfach beschützt hat. „Die orthodoxen Griechen und Griechinnen halfen ihren jüdischen Mitmenschen trotz ihres Antisemitismus, weil ihre Humanität über die durchaus vorhandenen Vorur-teile siegte.“ (S. 106)
Die schmerzlichen, depressiven Erfahrungen mit der Geschichte des europäi-schen Judentums steigern sich angesichts der nationalsozialistischen Vernich-tungsmaschinerie zu blankem Entsetzen. Filip Müller, einst in Auschwitz jüdi-scher Häftling im Sonderkommando zur Leichenbeseitigung, hat in seinem Buch Son-derbehandlung (1979)26 die Schrecknisse der Vergasungen im Detail geschildert. Das aus 450, später 900 Mann bestehende jüdische Sonderkommando mußte die ver-gasten Menschen verladen und verbrennen. Anfangs war dieses Procedere ein Schock, dann setzte die Gewöhnung ein, und schließlich rang man um das eigene Überleben. Das Sonderkommando war selbst gefährdet. Später hat die SS im Zuge der Zeugenbeseitigung das Kommando 'liquidiert'. Es haben offenbar höchstens zwei Personen überlebt. Ein Überlebender war Filip Müller. Der 1922 in Sered, Tschechoslowakei, geborene Filip Müller war vom April 1942 bis zum Januar 1945 Mitglied des Sonderkommandos. Gleich nach seiner Einlieferung ins Konzentrati-onslager wird der Gymnasiast dem Kommando zugeteilt und muß an einer Leichenbe-seitigungsaktion teilnehmen. „Vor uns lagen zwischen Koffern und Rucksäcken Hau-fen aufeinander- und durcheinanderliegender toter Männer und Frauen. Ich war starr vor Entsetzen. Ich wußte ja nicht, wo ich mich befand und was hier vor sich ging. Ein heftiger Schlag, begleitet von Starks Gebrüll: 'Los, los! Leichen ausziehen!' veranlaßte mich das zu tun, was auch ein paar andere Häftlinge ta-ten, die ich erst jetzt bemerkte.“ (S. 23) Der Häftling ist so paralysiert, daß er die Befehle automatisch ausführt. „Die Angst vor weiteren Schlägen, der grau-sige Anblick der gestapelten Leichen, der beißende Rauch, das Surren der Venti-latoren und das Flackern der lodernden Flammen aus dem Verbrennungsraum, dieses ganze chaotische, infernalische Tohuwabohu hatte meine Orientierung und mein Denkvermögen derart gelähmt, daß ich jeden Befehl wie hypnotisiert befolgte.“ (S. 23) Diese Prozedur wiederholt sich nun unaufhörlich, Jahr um Jahr, vom Zeit-zeugen Müller in seinen grausamen Einzelheiten authentisch geschildert. Es ist die ständige Wiederholung des Gleichen, eine zyklische Absurdität, schokkierend in ihrer Perfektion, erschreckend in ihrer Monotonie. In der NS-Rassentheorie werden die Menschenrechte radikal negiert. Der Mensch fällt aus. In diesem Sys-tem des „absoluten Bösen“ (S. 9) vollzieht sich der aktive Nihilismus in seiner höchsten Potenz. Der Bericht Filip Müllers dokumentiert dies in erschütternder Weise. Unter den Häftlingen greift Hoffnungslosigkeit um sich. Der Häftling Mül-ler gelangt zu der „Überzeugung, daß es keine Macht auf der Welt gab, weder im Himmel noch auf Erden, die diese unschuldigen, arbeitsamen, nach Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen vor dem Tode hätte retten können“, vor einem „größen-wahnsinnigen Diktator“, für den die Juden nur auszurottendes „Ungeziefer“ waren. „Hitler und seine Spießgesellen hatten diese Absicht nie verheimlicht und schon lange unverblümt kundgetan. Die ganze Welt wußte es und schwieg, und wer schweigt, so glaubten wir, stimmt zu. Solche Überlegungen hatten mich und meine Gefährten zu der Überzeugung kommen lassen, daß die Welt mit dem, was hier ge-schah, einverstanden sein mußte.“ (S. 59f.)
Diese Kritik ist aus der konkreten Situation der Opfer verständlich. In der Tat war die europäische Bevölkerung trotz Aufklärung und (vorübergehender) Ju-denemanzipation zu großen Teilen antisemitisch eingestellt. Im christlichen A-bendland grassierten antisemitische Vorurteile. Und die im christlichen Abend-land begangenen antijüdischen Pogrome sind eine historische Wurzel des modernen Antisemitismus. Durch den von der allerdings antichristlichen NS-Rassentheorie propagierten und praktizierten Umschlag des religiösen in einen biologistischen Antisemitismus wurde die Lage für die Juden ausweglos. Im ganzen war der Antise-mitismus eine kollektive Neurose Europas. Eine 'moderne' Zustimmung der Welt zur Judenvernichtung gab es allerdings kaum, wohl eine weitverbreitete Gleichgültig-keit gegenüber den Deportationen. Kenntnis der Massaker hatten allerdings die Alliierten und auch der Vatikan – ohne entscheidende Gegenmaßnahmen zu ergrei-fen.27 Hätte der Papst, auf jede Gefahr hin, Hitler zum Antichristen erklärt oder dies der Reichsregierung zumindest angedroht, wäre dies ein schwerer Schlag gegen das Regime gewesen und hätte möglicherweise die Ausrottungsmaschinerie gehemmt. Aber dies ist natürlich nur eine Mutmaßung. Immerhin zeigt das Beispiel des Grafen von Galen, des Bischofs von Münster, der durch seine Proteste gegen die Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens die (vorläufige) Einstellung der Eutha-nasie bewirkte, daß solche Akte der Menschlichkeit das Regime nicht unbeein-druckt ließen. Daß der 'Löwe von Münster' bei seinen Protesten gegen das un-menschliche NS-Regime nicht ausdrücklich gegen die Judenverfolgung protestiert hat, ist allerdings ein fatales Defizit dieses aufrechten Mannes – ein Manko, das er später selbst bedauert hat. Was die Haltung des Vatikans betrifft, so ist bis heute die schwierige, vieldiskutierte Frage der unterlassenen Hilfeleistung ein Problem. Im übrigen ist nicht entscheidend, ob ein massiver Protest des Papstes realen Erfolg gehabt hätte. Nicht Erfolgsethik, sondern Gesinnungsethik ist hier der Maßstab. Ein öffentlicher Protest des 'Stellvertreters' gegen De-portation und Vernichtung der Juden wäre ein Zeichen gewesen, ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern und ein Aufruf an die Weltöffentlichkeit, sich dem Verbrechen zu widersetzen. Es wäre ein Zeichen von historischer Tragweite gewe-sen.
Der Holocaust ist für uns Heutige nicht ein bereits bloß historisches, son-dern ein aktuelles Problem. Es ist die Pflicht der Zeitgenossen der Hitler-Diktatur und der Nachgeborenen, sich diesem Problem zu stellen und die Erinne-rung an die Opfer der Nazi-Barbarei wachzuhalten. Das ist das mindeste, was man vor allem vom zeitgenössischen Wohlstandsbürger verlangen kann. Wegschauen oder Vergessenwollen ist in dieser Sache ein menschenunwürdiges Verhalten. Auch das in manchen Kreisen beliebte Relativieren des Holocaust durch Hinweise auf andere Massenmorde in der neueren Geschichte, etwa auf die Verbrechen Stalins, ist in dieser Frage völlig fehl am Platz, denn die Nationalsozialisten haben die Juden-verfolgung im Namen des deutschen Volkes, des Volkes der Dichter und Denker, inszeniert und sie haben den Massenmord in Todesfabriken industriell bewerkstel-ligt. Es ist eine hyperbolische Naivität, den Holocaust durch fragwürdige Ver-gleiche als einen 'normalen' geschichtlichen Vorgang zu deuten. Dies ist ein schlimmer Mißgriff. Der Holocaust ist ein in der Menschheitsgeschichte absolut singuläres Ereignis. Ein besonders düsteres Kapitel ist die demagogische Parole der Auschwitz-Lüge. Wer heute noch den Holocaust leugnet, ist entweder geistig oder moralisch defekt. Ein tiefgründiges Problem ist das bei vielen Überlebenden der Judenverfolgung auftretende Schuldgefühl. So schreibt der mit seiner jüdi-schen Ehefrau den NS-Repressionen ausgesetzte Philosoph Karl Jaspers, die „He-roisierung“ seiner Person abwehrend, kurz nach dem Krieg: „Wir Überlebenden ha-ben nicht den Tod gesucht. Wir sind nicht, als unsere jüdischen Freunde abge-führt wurden, auf die Straße gegangen, haben nicht geschrien, bis man auch uns vernichtete. Wir haben es vorgezogen, am Leben zu bleiben mit dem schwachen, wenn auch richtigen Grund, unser Tod hätte nichts helfen können. Daß wir leben, ist unsere Schuld. Wir wissen vor Gott, was uns tief demütigt.“28

1 Max Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen, München, 1962/63, Bd. 2, S. 1058.
2 Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft (1951), S. 27, in: Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter, hrsg. v. Petra Kiedaisch, Stuttgart 1995 (1998), S. 27-49.
3 Hans Magnus Enzensberger, Die Steine der Freiheit (1959), S. 73f., in: wie Anm. 2, S. 73-76.
4 An anderer Stelle schränkt Adorno, ein wenig kryptisch, sein Votum ein und stimmt „Enzensbergers Entgegnung“ zu, „die Dichtung müsse eben diesem Ver-dikt standhalten“ (Adorno, Engagement (1962), S. 54, in: wie Anm. 2, S. 53-55).
5 Alfred Andersch, Rede auf einem Empfang bei Arnoldo Mondadori am 9. No-vember 1959, S. 77, in: wie Anm.2, S.76-78.
6 Ebd., S. 78.
7 Günter Kunert, Das Bewußtsein des Gedichts (1970), S. 108, in: wie Anm. 2, S. 107-113.
8 Günter Grass, Schreiben nach Auschwitz (1990), S. 140, in: wie Anm.2, S. 139-144.
9 Ebd., S. 143.
10 Paul Celan, Todesfuge, in: Celan, Mohn und Gedächtnis, Stuttgart 1952, 7. Aufl. 1965, S. 35-39.
11 Anja Lundholm, Das Höllentor. Bericht einer Überlebenden. Mit einem Nachwort von Eva Demski, Hamburg 1988.
12 Die nationalsozialistischen Gewaltverbrecher machen vor keinem Tabu halt. Entgegen der Aussage des Auschwitz-Kommandanten Höß, niemand sei nach der Vergasung lebend in der Gaskammer gefunden worden, hat doch ein fünfzehnjähriges Mädchen durch Berührung mit der Feuchtigkeit des Bodens überlebt. Es wurde durch Genickschuß getötet (Gerald Reitlinger, Die Endlösung. Hitlers Versuch der Aus-rottung der Juden Europas 1939-1945. Ins Deutsche übertragen von J.W. Brügel, Berlin 1979, S. 165 – Englische Originalausgabe London 1953). Dem bis heute ge-suchten SS-Arzt Aribert Heim wird vorgeworfen, im KZ Mauthausen Hunderte Häft-linge auf grausamste Weise getötet zu haben. Laut Anklage hat er einmal einem Häftling, ohne Betäubung, „den Bauch in ganzer Länge aufgeschnitten und daraus Gedärme, die Leber und die Milz entfernt, worauf das Opfer unter entsetzlichen Qualen verstorben“ sei (Bericht des 'Spiegel', Nr. 35/ 29.8.05, S. 44.
13 Zur „Rentabilitätsberechnung Ausleihhäftlinge Siemens & Halske“ vgl. Lundholm, Höllentor, S. 217.
14 Vgl. auch Anja Lundholm, Morgengrauen. Roman, München o.J. Es ist die realistische Schilderung der Erlebnisse zweier dem Frauenlager Ravensbrück ent-ronnener Häftlinge, ihrer Erfahrungen in einem chaotischen Treck Richtung Westen und ihrer Bemühungen, nach der KZ-Hölle endlich zu sich selbst zu kommen.
15 Anita Lasker-Wallfisch, Ihr sollt die Wahrheit erben. Breslau – Ausch-witz – Bergen-Belsen. Mit einem Vorwort von Klaus Harpprecht, Bonn 1997 – Engli-sche Originalausgabe London 1996.
16 Zu diesem Komplex vgl. Eberhard Kolb, Bergen-Belsen. Vom „Aufenthaltsla-ger“ zum Konzentrationslager 1943-1945, 6. Auflage Göttingen 2002 (zuerst 1985).
17 Gerhard Schoenberner, Der gelbe Stern. Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, München 1978, S. 165.
18 Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend, 13. Auflage München 2005 (Göt-tingen 1992).
19 Vgl. dazu die literarhistorischen und literaturkritischen Essays Ruth Klügers, die Publikationen Katastrophen. Über deutsche Literatur, Göttingen 1994, München 1997, und Frauen lesen anders, München 1996, 4. Aufl. 2002. Im Essay Gibt es ein „Judenproblem“ in der deutschen Nachkriegsliteratur? (1986) läßt sie die diversen, zum Teil höchst fragwürdigen, trotz Kritik der Judenver-folgung viele pejorative Klischees vom 'Juden' aufgreifenden Charakteristiken jüdischer Gestalten in der Prosa mancher Nachkriegsautoren kritisch Revue pas-sieren (vgl. Katastrophen, S. 9-39). Im Essay Thomas Manns jüdische Gestalten (1990) gelangt sie zu einer zwiespältigen Beurteilung des Mannschen Judenbildes. Einerseits übt sie Kritik an der Darstellung von Juden im Erzählwerk Thomas Manns. Er habe die herablassende Neigung, „die Juden in minderwertige Positionen abzuschieben“ (Katastrophen, S. 47). Spinell, der scheiternde Literat in Thomas Manns Tristan, sei der Typus des „dekadenten jüdischen Pseudo-Künstlers“ (S. 51). In der Gestalt des Naphta aus dem Zauberberg habe Mann auf den jüdischen „Fanatismus und Aktivismus“, „einen angeblich gefährlichen, destruktiven Juden“ gezielt (S. 49f.). Fatal sei, daß in Manns Doktor Faustus der Antisemitismus keine Rolle spiele, und das in der Darstellung einer Zeit, in der „fast alle deutschen Juden ermordet oder emigriert waren“ (S. 45). Weiterhin kritisiert Klüger, daß Thomas Mann den Antisemitismus nur als eine „proletenhafte Lümmelei“ bezeichne, während er doch ein „modernes Phänomen“ sei (S. 46). Bei aller Kritik hebt Klüger doch auch positive Aspekte der Juden-Darstellung Thomas Manns her-vor. „Doch gibt es nicht nur moderne Juden in Manns Werken, es gibt auch die biblischen Juden der 'Joseph'-Romane. Und die 'Joseph'-Romane sind ein großarti-ger und begeisterter Tribut eines Nichtjuden an die jüdische Tradition, mit der sich eigentlich nichts in der abendländischen Literatur vergleichen läßt.“ (S. 55) Hier sei aus einem „Juden-Epos“ ein „Menschheits-Epos“ geworden (ebd.)
20 Mietek Pemper, Der rettende Weg. Schindlers Liste – die wahre Geschich-te. Aufgezeichnet von Viktoria Hertling und Marie Elisabeth Müller, Hamburg 2005.
21 Zu den Voraussetzungen und Implikationen der sog. Schindler-Liste vgl. S. 181-208.
22 Eine breitbasierte, akribische Darstellung der Lebensgeschichte Schind-lers, vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte, bietet David M. Crowe, Oskar Schindler. Die Biographie. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leine-weber, Frankfurt a. M. 2005. In dieser monumentalen Biographie zeichnet der Au-tor die Vita Schindlers minutiös nach. Schindlers persönliche Antriebe, seine Verwicklung in die Zeitgeschichte, sein Wandlungsprozeß werden in einer detail-lierten Bestandsaufnahme rekonstruiert. Schindler sei ein auf seinen Vorteil bedachter Geschäftsmann gewesen, sei in der NS-Spionage tätig gewesen, habe beim deutschen Überfall auf Polen eine problematische Rolle gespielt und sei im übri-gen ein Lebemann mit vielen Frauengeschichten gewesen. Zugleich aber sei er ein Lebensretter gewesen, ein Mensch, der zuletzt bei lebensgefährlichem Risiko für die eigene Person seine Juden, die 'Schindler-Juden', vor der Vernichtung be-wahrt habe. Crowes Porträt läuft gewissermaßen auf einen 'doppelten' Schindler hinaus. „Oskar Schindler hatte Fehler und Schwächen. Aber er setzte sein Vermö-gen und sein Leben aufs Spiel, um fast 1100 Menschen zu retten.“ (S. 692) Er war in der Tat ein „Gerechter“ (S. 691).
23 Tullia Santin, Der Holocaust in den Zeugnissen griechischer Jüdinnen und Juden, Berlin 2003.
24 Die Autorin bezieht sich hier auf Hagen Fleischer, Griechenland, S. 269, in: Dimension des Völkermords, hrsg. v. Wolfgang Benz, München 1996, S. 241-274.
25 Vgl. Hagen Fleischer, wie Anm. 24, S. 272.
26 Filip Müller, Sonderbehandlung. Drei Jahre in den Krematorien und Gas-kammern von Auschwitz. Deutsche Bearbeitung von Helmut Freitag, München 1979.
27 Der Massenmord war der Bevölkerung kaum bekannt, wenngleich die Deporta-tionen vor aller Augen stattfanden. Immerhin, Thomas Mann hat aus dem Exil in den Radioansprachen Deutsche Hörer! auf den „Sumpf von Blut und Verbrechen“, die „Massen-Vergasungen“ hingewiesen. „Kann ein Volk, eine Jugend tiefer sinken? […] Das Unaussprechliche, das in Rußland, das mit den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wißt ihr, wollt es aber lieber nicht wissen […]“ (Radiosendung vom November 1941)
28 Zitate nach: Karl Jaspers in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Darge-stellt von Hans Saner, Reinbek bei Hamburg 1970, S. 50.