Inferno
Theo Meyer
Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft ist ein
höchst schwieriges Unterfangen. Angesichts der nationalsozialistischen
Vernich-tungsorgien sieht man sich seit Jahrzehnten, seit dem Zusammenbruch
des NS-Regimes, mit der Frage nach der Bewältigung des Geschehens, einer
geistigen, moralischen, politischen Bewältigung, konfrontiert. Es gibt
ein Spektrum von Reaktionen: die unmittelbare emotionale Betroffenheit, die
Solidarität mit den Opfern des NS-Terrors, den moralischen Protest gegen
die Barbarei, den Appell, aus dieser historisch absolut beispiellosen Katastrophe
die Konsequenz einer humanen Zukunftsgestaltung zu ziehen. Neben diesen engagierten
Wertungen des Pandämoniums gibt es die sachlichen Aufarbeitungen, die
'objektiven' Arbeiten, Untersuchungen der repressiven Strukturen und Apparaturen
des NS-Staates, der demagogischen Propaganda, der zeitgeschichtlichen und
historischen Voraussetzun-gen der NS-Ideologie, insbesondere des Rassenwahns,
sozialpsychologische, ge-sellschaftskritische und politische Analysen, Dokumentationen
der technischen, industriellen Organisation des Massenmordes, der menschenvernichtenden
Einsatz-kommandos, Statistiken.
Der gegen alle politischen Kritiker und Gegner, faktische oder angebliche
Opponenten, alle rassistisch diskriminierten Volksgruppen, alle dem Regime
miß-liebigen Personen gerichtete Vernichtungswille kulminiert in der
systematisch betriebenen antisemitischen Hetze des Regimes. Der Demagoge Joseph
Goebbels, der größte Volksverführer der Neuzeit, und seine
Komplizen haben hier ganze Arbeit geleistet. Den Höhepunkt der volksverhetzenden
Agitation bildet Hitlers unver-hüllte Drohung in seiner Reichstagsrede
vom 30. Januar 1939, dem Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung:
„Ich will heute wieder ein Prophet sein. Wenn es dem internationalen
Judentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch
einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Er-gebnis nicht die
Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die
Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“1 Damit erfolgt ohne
jede Verschleierung die öffentliche Ankündigung des Völkermordes
an den Juden. Es ist die exzessive Zuspitzung des jüdischen Leidensweges
in den zwölf Jahren der NS-Diktatur, einer vita dolorosa mit den Stationen:
Rassengesetze, Entrechtung der jüdischen Mitbürger, Schikanen und
Ausschreitungen, Reichspog-romnacht, Deportation, Vernichtung:
Der systematische Massenmord an den Juden, in der Kulturgeschichte der Menschheit
ein Vorgang ohnegleichen, übersteigt das normale menschliche Fas-sungsvermögen.
Die für die strukturelle Barbarei der 'Endlösung' charakteristi-sche
Verbindung von irrationalem Antrieb und rationaler Planung, die Verquickung
von Rassenhaß und Technologie, ist für die Überlebenden und
Nachlebenden des Holocaust ein kaum zu bewältigendes Problem. Die Ungeheuerlichkeit,
mit der pro-fessionelle Mörder als Organe einer verbrecherischen Führung
mittels perfekter Technik ihr blutiges Handwerk betrieben, in einem gewissermaßen
rationalisierten Vernichtungsrausch, entzieht sich dem menschlichen Verstehen.
Nicht nur der Tat-bestand, sondern auch die Deutung der Fakten bereitet die
größten Schwierigkei-ten. Dokumentare, Politiker, Historiker, Moralisten,
Psychologen, Künstler, Schriftsteller – sie alle drohen an diesem
Sujet zu scheitern oder es doch nur unzureichend zu erfassen, eben weil es
die menschliche Vorstellungskraft sprengt. Alle diese Versuche der Bewältigung
bleiben in Ansätzen stecken, müssen stecken- bleiben, weil das Ganze
offenbar überhaupt nicht zu bewältigen ist. Fast hat es den Anschein,
als sei durch die 'Endlösung' die Schöpfung selbst widerlegt worden.
Angesichts dessen, was Menschen Menschen antun können, scheint das Menschsein
selbst fragwürdig geworden zu sein. Der Homo sapiens scheint sich als
Kulturwesen selber dementiert zu haben.
Unter diesen Auspizien verwundert es nicht, daß Überlebende und
Nachlebende, nicht zuletzt die Schriftsteller, im Hinblick auf eine geistig-moralische
Bewäl-tigung der 'Endlösung' von Skepsis und Resignation erfaßt
werden. Es ist nur konsequent, daß sich das Bewußtsein eines allgemeinen
Kultur- und Sinnverlustes einstellt. Man starrt auf die Tabula rasa. Der Nihilismus
greift um sich. Ador-nos Diktum „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben,
ist barbarisch“2 bringt die Problematik auf den Punkt. Zumindest wirft
dieses Verdikt die Frage nach der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit
von Kunst angesichts der nihilistischen Deshuma-nisierung des Menschen auf.
Hans Magnus Enzensberger hingegen widerspricht dem Satz Adornos, daß
nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich sei: „Wenn wir wei-terleben
wollen, muß dieser Satz widerlegt werden.“ Diese Widerlegung kann
nur durch das Gedicht erfolgen. Mit Bezug auf Verse der Nelly Sachs schreibt
Enzens-berger: „Nur so ist Trost möglich, als Frage, als Dialog
mit der Trostlosig-keit.“ Es ist ein „Gespräch mit dem Sprachlosen“.3
Das Gedicht muß der Barbarei Widerstand leisten.4 Alfred Andersch bemerkt
zu Adornos rigorosem Schreibverbot: „Leider bleibt uns keine andere
Wahl, als es dennoch zu versuchen.“5 Er fügt allerdings hinzu,
„daß nämlich die Welt sehr wohl leben kann ohne diesen Luxus,
die Literatur.“6 Günter Kunert reagiert auf die Auseinandersetzung
mit Adornos Verdikt mit der Feststellung, es sei sinnlos, diese „Frage“
mit ja oder nein zu beantworten: „viele Lyriker fühlten sich bemüßigt,
sie tiefgründig zu bejahen oder zu verneinen, statt dem Gesetz ihres
Metiers zu folgen“7. Es ist Kunerts Anliegen, die Freiheit des kreativen
Prozesses gegenüber allen heterogenen Ein-flüssen zu bewahren. Auch
angesichts einer schrecklichen Wirklichkeit soll dem Gedicht sein Eigenrecht
eingeräumt werden. Günter Grass rechtfertigt gleichfalls trotz des
Auschwitz-Schocks die literarische Produktivität, ausgehend von einem
vitalen, spielerischen Schaffenstrieb. Adornos „Gebot“ sei ihm
„widernatürlich“, als ein „Verbot“ vorgekommen,
„als hätte jemand gottväterlich sich angemaßt, den Vögeln
das Singen zu verbieten“8. Nun, das war kaum die Absicht Adornos. Seine
scheinbar autoritäre Provokation – wenn man denn von einer Provokation
sprechen will – ist Ausdruck einer schweren Irritation über das
desaströse Auseinander-brechen von Kunst und Realität. Und es ist
wohl die Frage, ob die „Vögel“ nach Auschwitz noch so schön
singen wie einst. Freilich, Günter Grass konstatiert auch: „Wir
kommen an Auschwitz nicht vorbei. Wir sollten, sosehr es uns drängt,
einen solchen Gewaltakt auch nicht versuchen, weil Auschwitz zu uns gehört,
bleibendes Brandmal unserer Geschichte ist und – als Gewinn! –
eine Einsicht möglich gemacht hat, die heißen könnte: jetzt
endlich kennen wir uns.“9 Paul Celan, dessen Todesfuge gezeigt hat,
daß nach Auschwitz noch ein Gedicht möglich ist, schrieb jenen
Vers, der sich dem Gedächtnis eingeprägt hat: „der Tod ist
ein Meister aus Deutschland“10. Bei alledem zeigt sich allerdings auch,
daß die Schreibenden sich nicht nur genötigt und verpflichtet sehen,
sich dem Auschwitz-Syndrom zu stellen und ihm Ausdruck zu verleihen, sondern
auch ihrem Schreib-trieb entsprechen. Der Schaffensimpetus ist ein anthropologischer
Grundtrieb. Er läßt sich offenbar durch noch so große Schrecknisse
nicht tilgen. Er ist die conditio humana des Schriftstellers. Das Niederschreiben
des Schrecklichen ist eine Art Katharsis, eine Selbstreinigung, und zugleich
eine Form der Selbstbe-freiung durch kreative Akte als Ausdruck ästhetischer
Selbstbestätigung. Der sich mit dem Inferno auseinandersetzende Schriftsteller
steckt in der Spannung von Pflicht und Neigung, Moral und Kunst, Schweigen
und Schreiben. Diesem Dilem-ma kann er nicht entrinnen. Aber es ist auch sein
Antrieb, daß der Tod nicht das letzte Wort haben soll.
Die literarischen Bewältigungsversuche sind nur ein Aspekt des Problems.
Von zentraler Bedeutung ist der Rekurs auf Authentizität. Vor allem in
den authenti-schen Berichten von Häftlingen der Konzentrationslager gelangt
die unverstellte Wirklichkeit zum Ausdruck. Sie ermöglichen dem Leser
nicht nur das unmittelbare Beteiligtsein, sondern vermitteln ihm auch Erkenntniszuwachs.
Natürlich sind diese Texte aus der jeweiligen Erlebnis- und Erfahrungsperspektive
der Schrei-benden verfaßt. Diese autobiographischen Berichte erheben
nicht den Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität, sondern der subjektive,
der existentielle Faktor ist in ihnen naturgemäß stark ausgeprägt
– wie anders ist das auch in der perma-nenten Grenzsituation der Vernichtungsdrohung
denkbar. Dennoch ist die Faktizi-tät der geschilderten Vorgänge
festzuhalten. Der Einzelfall hat exemplarische Bedeutung. Aus der Vielzahl
der 'subjektiven' Einzelberichte ergibt sich ein 'objektives' Gesamtbild,
ein Bild der ständigen Entwürdigung, Erniedrigung, Miß-handlung
und Ermordung unschuldiger, wehrloser Menschen. Aufschlußreich sind
dabei die Reaktionen einzelner Häftlinge auf das Geschehen. Sie reichen
von to-taler Hoffnungslosigkeit bis zu verzweifelten Überlebensversuchen.
So schildert Anja Lundholm, Jahrgang 1918, Tochter einer Jüdin, Widerstands-kämpferin,
in ihrem Buch Das Höllentor. Bericht einer Überlebenden (1988)11
ihre Erlebnisse und Erfahrungen, die Zustände im Frauen-Konzentrationslager
Ravens-brück, in das sie 1944 eingeliefert wurde. Sie schildert die Situation
im Lager, die Unterdrückungsapparaturen, die Brutalität des Wachpersonals,
Tötungsexzesse und die Vergasungen als eine mehr und mehr zum Normalvorgang
werdende Praxis. Die Verfasserin stellt die Dinge in einem realistischen Berichtsstil
dar, unter Verzicht auf Sentimentalität, Pathos und Moralismus. Sie läßt
die Fakten als Fakten sprechen. Dennoch beschränkt sie sich nicht auf
eine nüchterne Berichter-stattung. Immer ist in der Darstellung ihr Beteiligtsein,
ihr Betroffensein spürbar. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Schilderung
sadistischer Praktiken der Aufseherinnen und SS-Männer. Härteste
Prügelstrafen sind an der Tagesord-nung. Mit äußerster Brutalität
springt man mit den zu Arbeitssklaven reduzierten Häftlingen um. Manchmal
lassen Aufseherinnen unter der Schwerstarbeit zusammen-brechende weibliche
Häftlinge von Hunden zerfleischen. „Wo ist denn deine Mut-ter?“
fragt eine Aufseherin ein fünfjähriges jüdisches Mädchen.
„Mami ist ges-tern vergast worden, gibt Jackie bereitwillig Auskunft,
um hinzuzufügen: Der Mann mit der Mütze hat gesagt, ich komme morgen
dran. Es klingt, als spräche sie über etwas ganz Alltägliches.“
(S. 171) Ein Gestapobeamter, der zunächst schein-bar freundlich mit einem
dreijährigen jüdischen Jungen spielt, schleudert das Kind plötzlich
mit voller Wucht gegen eine Mauer, so daß Gehirnmasse zu Boden fließt.
Der entsetzten Mutter wirft er die Leiche vor die Füße und befiehlt
ihr: „Erst saubermachen. Dann kannst du flennen!“ (S. 282) Es
gibt kaum eine Scheuß-lichkeit, deren die NS-Schergen nicht fähig
gewesen wären.12 Im Lager leben die Häftlinge unter ständiger
Lebensgefahr. Reduziert auf die unmenschlichsten Exis-tenzbedingungen, bleibt
ihnen nur noch der Selbsterhaltungs-, der Überlebens-trieb. Da geht es
zunächst ganz elementar um die Physis. Die sowieso die Lebens-erwartung
einschränkenden Hungerrationen müssen, soweit dies eben möglich
ist, durch gelegentliche zusätzliche Nahrungsmittel ergänzt werden.
Ein niederziehen-des Geschäft. Vor allem aber kommt es darauf an, nicht
krank zu werden. Zur Ü-berlebensstrategie gehört das Sich-Gesund-Stellen
beim Arbeitseinsatz. Wer nicht mehr arbeitsfähig ist, muß damit
rechnen, ins Gas geschickt zu werden. Da der Mensch in der NS-Ideologie bloßes
Material ist – und das betrifft die Häftlinge in besonderer Weise
–, hängt die Überlebenschance von Bewährung oder Vortäu-schung
von Arbeitskraft ab. Hier spielt im übrigen die Zusammenarbeit von SS
und Rüstungsindustrie eine fatale Rolle. So wurde Frau Lundholm in Ravensbrück
zu einem Arbeitseinsatz in einem Rüstungsbetrieb der Firma Siemens beordert.13
Der physische und psychische Druck, dem die Häftlinge ausgesetzt sind,
kann zu Ver-zweiflung und Apathie führen. Er kann aber auch psychologisch
Selbsterhaltungs-reaktionen hervorrufen. Eine Form der Selbstbehauptung war
für Anja Lundholm Selbsttherapie durch Verdrängung. Sie spricht
von ihrer mit der Zeit sich ein-stellenden „Kampfmüdigkeit“,
die sie zu einem (vorübergehenden) Ignorieren der Umwelt veranlaßt:
„Allmählich beginne ich mich an den Gedanken zu gewöhnen,
daß es so etwas wie eine Außenwelt überhaupt nicht gibt,
daß sie utopisch ist. Die Vorstellung, es könne Menschen geben,
Hunderttausende, die außerhalb der Sta-cheldrahtgrenze frei umherwandern
und doch keinen Finger rühren, uns zu Hilfe zu kommen, dieser Gedanke
einer Ausdehnung der Unmenschlichkeit ins Unendliche ist für mich nicht
mehr nachvollziehbar.“ (S. 179) Sie hat das „Gefühl, daß
mich das alles gar nichts mehr angeht. Seit mir meine Identität abhanden
gekommen ist […] ist mir alles gleichgültig geworden.“ (S.
290) Es ist der Versuch, sich durch eine Art autogenes Training den Bedrohungen
zu entziehen und den Identitätsver-lust, die Zerstörung der Individualität,
fiktional zu überwinden. Es ist das Bestreben, bewußt oder unbewußt,
die eigene Menschenwürde wenigstens rudimentär zu wahren. Aber das
Morden geht weiter. Noch in der Zeit vor der Befreiung des Lagers durch sowjetische
Truppen erfolgen Erschießungen, Vergasungen, Todesmär-sche. Die
Häftlinge schwanken zwischen vager Hoffnung auf Befreiung und lähmen-der
Trostlosigkeit. „Gott kannste vergessen“ sagt ein weiblicher Häftling
(S.284) In den Wirren eines Häftlingsmarsches gelingt der Autorin und
einigen Mithäftlingen die Flucht.14
Von ganz anderer Art ist die Darstellung der 1925 in Breslau geborenen jüdi-schen
Autorin Anita Lasker-Wallfisch. Ihr Buch Ihr sollt die Wahrheit erben. Breslau
– Auschwitz – Bergen-Belsen (1997)15 ist stärker geprägt
von der Biogra-phie der Verfasserin. Sie entwickelt ihre persönliche
Vita aus der Familienge-schichte, den diversen familiären Bindungen,
und vor allem im ständigen Kontext der repressiven Zeitgeschichte. Dies
erfolgt in einem offenen, freien Erzähl-stil, in einem manchmal fast
lockeren Parlandostil, der aber immer mit analyti-scher Präzision verbunden
ist. Es ist ein Stil, der die Information mit der Re-flexion verknüpft.
Die Autorin, die verfolgte deutsche Jüdin, nimmt die Ereig-nisse nicht
einfach als passives Opfer hin, sondern reagiert kritisch auf das Geschehen,
in prägnanten Überlegungen, häufig Antriebe der Täter
mit Röntgen-blick entlarvend. Sie schildert, wie sie in aller Verfolgung
ihre innere, geis-tige Freiheit zu bewahren versuchte, aus Überlebenstrieb,
aber auch um ihrer Menschenwürde willen, der letzten Zuflucht. Der totalen
Degradierung zum anony-men Sachobjekt setzt sie geistigen Widerstand entgegen.
Ihre Darstellung lebt geradezu von der Spannung von Unterdrückung und
Freiheit – sofern diese idealis-tische Vokabel in diesem Problemfeld
noch akzeptabel ist. Diese unter den deso-laten Lebensumständen immer
wieder mühsam neu erkämpfte geistige Freiheit bekun-det sich nicht
zuletzt in der Ironie. Ironie schafft Distanz und Überlegenheit, wie
sie im übrigen auch Ausdruck der Humanität ist. Ironische, witzige,
ja sogar humoristische Bemerkungen werden eingeblendet. Sie haben eine Schutzfunktion.
Damit hält sich das geistig wache Opfer der Repressionen die Unterdrücker
gewis-sermaßen vom Leibe. Die Ironie ist die Waffe der real Ohnmächtigen,
aber geistig Aktiven. Dabei gelangt die Ironie nicht erst in der Rückschau
der Verfasserin zum Ausdruck, sondern ist bereits, wie viele Einzelsituationen
bezeugen, kenn-zeichnend für ihre Haltung zur Zeit der Verfolgung. Die
Ironie verdeckt aller-dings nicht die Grausamkeit des Geschehens, von der
die Lebensgeschichte der Autorin Zeugnis ablegt: die allgemeinen antisemitischen
Repressalien, denen die Familie in Breslau ausgesetzt ist, 1942 die Deportation
und Ermordung der El-tern, die gemeinsam mit der Schwester Renate zu leistende
Zwangsarbeit in einer Papierfabrik, die Haftstrafen wegen gefälschter
Pässe für Kriegsgefangene, die 1943 erfolgende Einlieferung ins
Konzentrationslager Auschwitz, die Überstellung ins KZ Bergen-Belsen,
die Befreiung durch britische Truppen, das neue Leben in der Nachkriegszeit.
Mit der Einlieferung ins KZ erfolgt die sofortige Entwürdi-gung des Häftlings.
„Man fühlt sich vollkommen nackt, unendlich verwundbar und zu einem
Niemand reduziert. Da stand ich also, splitternackt und ohne Haare, mit einer
Nummer auf dem Arm. In kürzester Zeit fand man sich jeder Faser menschli-cher
Würde beraubt.“ (S. 110) Zwangsordnungen, Verbote, Schikanen funktionali-sieren
die Häftlinge zu einer gesichtslosen Masse. Dazu gehört die deutsche
Ord-nungssucht. „Diese deutsche Manie, uns abzuzählen, habe ich
niemals verstanden. Die Deutschen waren damit beschäftigt, so viele von
uns wie möglich zu vernich-ten – warum sollte es dann so wichtig
sein, daß wir alle da sind? So war es aber, und Appellstehen bedeutete
eine besondere Tortur. Es war streng verboten, sich zu bewegen, und da diese
Prozedur manchmal Stunden und Stunden dauerte, kann man sich vorstellen, was
das für Menschen bedeutete, die fast ausnahmslos an Durchfall litten.“
(S.111f.) In der Rückschau konstatiert die Autorin, daß es ihr
schwerfalle, „das Leben in Auschwitz-Birkenau zu beschreiben. Einige
Stich-worte fallen mir ein, die Ingredienzen dieser Hölle waren: Gestank
brennender Leichen … Rauch … Hunger … Angst … Verzweiflung
… Geschrei … Muselmänner (so hießen in der Lagersprache
ausgehungerte Menschen, die am Ende ihrer Kraft wa-ren).“ (S. 123) Zugleich
war das Lager ein Ort der Korruption, in einem Vertei-ungssystem der Kapos
und Blockältesten, etwa in der Vergabe der kärglichen Brot-rationen.
„Es gab eine hochentwickelte Hierarchie, die fast ausschließlich
das Lager regierte.“ (S. 125) Der Terror der SS kannte keine Grenzen.
Bezeichnend ist die 'Liquidierung' eines Mädchens, das mit seinem Freund
einen Fluchtversuch unternommen hatte, von seinen Häschern wieder aufgegriffen
worden war und nun seiner Hinrichtung entgegensah. „Wir mußten
alle antreten, um zuzusehen, wie sie für ihr 'Verbrechen' büßte.
Sie sollte öffentlich aufgehängt werden, aber Mala kam der Obrigkeit
zuvor. Sie schnitt sich auf dem Hinrichtungsplatz die Puls-adern auf, stieß
Flüche gegen die SS-Männer aus und schlug mit ihrer blutenden Hand
einem SS-Mann ins Gesicht. Man brachte sie auf einem Karren zum Krematori-um,
wo man sie erschoß.“ (S. 125)
Die Autorin schildert allerdings sadistische Exzesse vergleichsweise selten.
Vielfach beschränkt sie sich bewußt auf Andeutungen. Aber gerade
dadurch ist die Wirkung umso intensiver. In Auschwitz sind die Vergasungen
derart zur Selbstver-ständlichkeit geworden, daß zwar jeder Häftling
für sich selber mit diesem Ende rechnen muß, daß aber zugleich
viele Häftlinge das Ganze als ein unabwendbares Verhängnis empfinden.
Für die Täter ist diese barbarische Prozedur längst zum bloßen
technischen Ablauf geworden. Eben diesen Automatismus hat die Autorin in ihrer
klaren, präzisen, unpathetischen Darstellung zum Ausdruck gebracht. Gerade
die gewisse intellektuelle Nüchternheit, die scheinbar unterkühlte
Diktion, ver-leiht dem Text eine besondere Intensität. Indem sie forcierten
Moralismus und laute Emotionen vermeidet, rückt die Verfasserin die Phänomene
selbst ins Blick-feld. In der sachlichen Beschreibung ist aber die emotionale
Teilnahme der Auto-rin deutlich spürbar. Dies zeigt sich z.B. bei der
Deportation der geliebten Eltern: „Wir wußten einen Tag vorher,
daß es die Eltern nun ereilen wird. Mutti hat viel geweint, denn sie
hat wohl instinktiv gefühlt, daß es nun dem Ende zu-geht und daß
sie uns zum letzten Mal sieht. […] Mutti weinte und weinte, unsere arme,
arme liebe gute Mutti, sie hatte solche Angst.“ (S. 52f.) „Das
Endziel war Isbica nahe bei Lublin. Dort haben die Menschen ihre eigenen Gräber
graben müs-sen und sind dann nackt in diese Gräber geschossen worden.
Es ist wohl verständ-lich, daß ich mir selten den Luxus erlaube,
meiner Phantasie, was die Ermordung meiner Eltern betrifft, freien Lauf zu
lassen.“ (S. 54) Die zurückgebliebenen Schwestern, Anita und Renate,
lassen sich nicht in Apathie versinken, sondern sind bestrebt, zu überleben.
Das beginnt schon in der Bewältigung des Alltags: „Wir gingen nach
Hause und nahmen unser alltägliches Leben wieder auf, nur viel-leicht
mit doppelter Verbissenheit, uns nicht unterkriegen zu lassen.“ (S.
54) Der Überlebenstrieb fordert eine spezifische Überlebensstrategie.
Mit viel Klug-heit, mit Geschick und List gelingt es dem Mädchen Anita,
gemeinsam mit der Schwester Renate, vorerst die schlimmsten Repressalien abzuwenden.
Daß sie zu einer Haftstrafe verurteilt wird, empfindet sie als günstige
Fügung, denn Ge-fängnis bewahrte (vorerst) vor Deportation. Und
diese Gefängnisstrafe schützte sie nach der dann doch erfolgten
Deportation in Auschwitz vor der Selektion, da sie zu den „’Karteihäftlingen?“
gehörte. „Wir durften nicht sofort vergast wer-den, denn man könnte
uns eventuell noch einmal zu weiteren Zeugenaussagen vor Gericht rufen.“
(S. 109) Entscheidend aber ist Anitas Künstlertum. Sie hat das Glück,
als Cellistin in das 'Mädchenorchester' von Auschwitz aufgenommen zu
wer-den, das die SS zu ihrer Unterhaltung und als Begleitmusik zu Lagermärschen
ein-gerichtet hatte. Im Mädchenorchester benötigte man die Cellistin.
Das Orchester war ein Schutz. Anita war nicht mehr der unmittelbar drohenden
Vernichtung aus-gesetzt. Die Kunst hat ihr das Leben gerettet. Es ist eine
makabre Paradoxie, daß an der Stätte des Massenmordes die Musik
für eine junge jüdische Künstlerin zur Lebensretterin wird.
Das Orchester hatte „für die Tausende von Häftlingen zu spielen,
die außerhalb des Lagers arbeiteten (unter anderem bei den I.G. Far-ben).
Natürlich war es von größter Wichtigkeit, daß diese
Kolonnen fein säuber-lich und im Gleichschritt ausmarschierten! Dafür
lieferten wir die Musik.“ (S. 117) Die Musik konnte aber auch eine befreiende,
erlösende Wirkung ausüben. So berichtet die Autorin, daß Orchestermitglieder
einmal „zu unserem eigenen Ver-gnügen“ „Beethovens
Pathétique-Sonate aus dem Gedächtnis“ spielten. „Ein
Kammer-musikabend in Auschwitz! Damit hoben wir uns im wahren Sinne des Wortes
über das Inferno, in dem wir lebten, in Sphären hinaus, die nicht
von den Erniedrigungen einer Existenz im Konzentrationslager berührt
werden konnten.“ (S. 127) Solche Sternstunden der Freiheit durch die
Kunst waren allerdings die Ausnahme. In der Regel hatte das Spielen für
die „SS-Leute“ etwas Niederziehendes an sich. „Sie kamen
meistens, um sich von den 'Strapazen' der Selektionen zu erholen, bei de-nen
sie entschieden, wer leben und wer sterben sollte. Bei einer solchen Gele-genheit
spielte ich die Träumerei von Schumann für Dr. Mengele, den berüchtigten
Lagerarzt.“ (S. 120) Dieser obszöne Kunstgenuß der SS-Mörder
dürfte die scho-ckierendste Pervertierung der Musik in der Kulturgeschichte
sein. Der Massenmör-der als Kunstliebhaber oder die kalmierende Wirkung
der Musik auf Verbrecher – ein Spezialthema für Pyscho-Analytiker.
Der jungen Anita, deren Antrieb die in-dividuelle Selbstbehauptung im kollektiven
Terrorapparat war, ermöglichte die Musik die partielle Wahrung ihrer
„Identität“. Sie schreibt über ihr Leben im Lager: „Es
unterschied sich von dem der Mehrzahl der Gefangenen durch mein Glück,
dem Orchester anzugehören. Neben den offensichtlichen Vorteilen war das
Wichtigste, daß ich, obwohl ich kahlgeschoren war und eine Nummer auf
dem Arm trug, meine Identität trotzdem nicht vollständig verloren
hatte.“ (S. 116) Als 'privilegierter' Häftling konnte Anita auch
ihre gleichfalls nach Auschwitz de-portierte Schwester Renate abschirmen.
Ende 1944 erfolgte der Abtransport nach Bergen-Belsen, wo der Tod reiche Ernte
hielt. „Sehr bald wurden Tote so alltäg-lich, daß man sie
kaum mehr beachtete. […] In Belsen krepierte man einfach.“ (S.136)16
Im April 1945 erfolgte die Befreiung durch britische Truppen. Die Schwestern
kehrten nach diversen Schwierigkeiten ins 'bürgerliche' Leben zurück.
Anita Lasker-Wallfisch wurde in London als Cellistin Mitglied des von ihr
mitge-gründeten English Chamber Orchestra.
Die Bewältigung der im KZ erlittenen Beschädigungen ist für
die Überlebenden ein sie lebenslang bedrängendes Problem. Es sind
zutiefst traumatische Erfahrun-gen, die sich nicht abstreifen lassen, die
ihre Spuren unverwischbar in der Psy-che, im Bewußtsein der Lebenden
hinterlassen, ob es sich um die eigene Person, die Toten oder die Täter
handelt. Auch zeigt sich, vor allem bei den jüdischen Opfern, häufig
eine fast 'mystische' Verbindung zu den Ermordeten, die vielfach eine Art
Schuldgefühl aufkommen läßt: Warum sind die Anderen umgebracht
worden? Warum habe ich überlebt? Die Toten lassen sich nicht verdrängen,
und man will sie nicht verdrängen. Sie lasten schwer auf den Überlebenden.
Auch wollten und wollen viele Überlebende sich nicht auf den Opferstatus
reduzieren lassen. Es zeigt sich auch ein Widerstand gegen den Terrorapparat,
dem die Häftlinge ausge-liefert sind. Dieser Widerstand kann sich äußern
in alltäglichen Überlebenstech-niken wie in demonstrierter Arbeitskraft,
aber auch in kreativen, künstlerischen Impulsen. Im Untergrund der Lager
gab es auch den fast organisierten Widerstand vor allem politischer Gruppen.
Es kommt auch zu Aufständen. „Selbst in den To-deslagern von Treblinka
und Sobibor gibt es blutige Aufstände, in Auschwitz-Birkenau stecken
tapfere Häftlinge sogar ein Krematorium in Brand.“17 Diese Re-volten
wurden von der SS brutal niedergeschlagen. Das stärkste Zeichen jüdischen
Widerstandes ist der verzweifelte, mutige Aufstand im Warschauer Ghetto vom
Ap-ril 1943.
Ein eindrucksvolles Beispiel des kreativen Widerstandes ist die Vita von Ruth
Klüger. In ihrer scharfsinnigen, perspektivenreichen Autobiographie weiter
le-ben. Eine Jugend (1992)18 schildert die 1931 in Wien geborene Jüdin
ihr Leben von der Kindheit in Wien über die Deportation in die Lager
(Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt [Groß-Rosen]) bis
zur Nachkriegszeit in Deutschland und den USA. Sie zeichnet mit großer
Sprachkraft ein facettenreiches Bild ihrer persönlichen Situation, der
familiären Bindungen und der totalitären Epoche. Stark ausgeprägt
ist das reflexive Moment. Die Autorin ist schon als Kind von geistiger Mobilität.
Schon als Kind stellt sie den Erwachsenen ständig Fragen – die
unzulänglich beantwortet werden. Im Laufe der Zeit zeigt sich dann immer
entschiedener der Impetus, auf die Wirklichkeit reflektierend, kritisch zu
reagieren. Die Autorin beschränkt sich nicht auf die Darstellung der
Fakten, sondern ihr Bericht ist geprägt vom Dreiklang Fakten, Deutung,
Kritik. Es ist ein permanentes Wechselspiel von präzisen Beobachtungen,
scharfsichtigen Refle-xionen und kritischen Wertungen. Dabei vermeidet die
Autorin aufgrund ihrer 'ge-sunden' Skepsis das Heißlaufen der Gefühle
und wahrt bei allem Betroffensein immer auch analytische Distanz zum Geschehen.
Sie verzichtet auf ein einheitli-ches, geschlossenes Erzählkontinuum
und bevorzugt stattdessen eine offene, asso-ziative Erzählform. Dies
ermöglicht ihr das freie, bewußt sprunghafte Kombinie-ren harter
Realitätselemente, kritischer Reflexionspartien, ironisierter Bil-dungsrelikte.
Es ergibt sich ein spezifischer Fragment-Stil, ein assoziatives Aufreihen
von Episoden, Gedanken, Gefühlen, von Gegenwärtigem, Vergangenem,
Zu-künftigem. In einem aufgelockerten Sprachstil, der aber in der Detailbeschrei-bung
und -analyse die relevanten Einzelereignisse konzentriert artikuliert, wird
die individuelle Existenzsituation zum Signalement zeitgeschichtlicher Probleme,
in der Mischung von Dokumentation und Zeitkritik. Deprimierend aus der Erfahrung
und Perspektive der Autorin ist der Kontrast zwischen der Opfersituation und
dem Zeitgeist, wobei dies nicht nur die antisemitischen, sondern auch die
gleichgül-tigen Zeitgenossen betrifft. Es sind nicht nur die Täter
und die antisemitischen Schwadroneure, sondern auch die indifferenten Bürger,
jene saturierten, die NS-Verbrechen kaschierenden und relativierenden Egoisten,
die den Protest der Auto-rin schon in frühen Jahren herausfordern.
Schon die Kindheit in Wien ist geprägt von einer bedrückenden, repressiven
Atmosphäre. Das aufgeweckte Kind stellt viele Fragen, antwortlose Fragen,
wie die Frage nach dem Sterben, „da ich nichts wissen darf, was mit
dem Sterben zu tun hat. Obwohl es ja nichts anderes gibt, worüber es
sich lohnte zu reden.“ (S.10) Die Gefahren sind massiv spürbar.
„Unten auf der Straße liefen die Nazi-buben herum, mit ihren kleinen
spitzen Dolchen, und sangen das Lied vom Juden-blut, das vom Messer spritzt.
Man mußte nicht sehr schlau sein, um das zu ver-stehen“ (S. 10).
Die Schülerin besucht eine Zeitlang die „Judenschule“ in
einer „arischen Umwelt“. Die Bevölkerung war weitgehend antisemitisch
eingestellt. „Man trat auf die Straße und war in Feindesland.“
(S. 16) Die „Weltstadt“ Wien war „freudlos“ und „kinderfeindlich.
Bis ins Mark hinein judenkinderfeindlich.“ (S. 68) Symptomatisch ist
der latente Antisemitismus der 'normalen' Bürger. „Ich sehe meinen
Vater in der Erinnerung höflich den Hut auf der Straße ziehen,
und in der Phantasie sehe ich ihn elend verrecken, ermordet von den Leuten,
die er in der Neubaugasse begrüßte, oder doch von ihresgleichen.“
(S. 29) Die Ermordung des Vaters, der nach Frankreich geflohen war und 1944,
von den „Franzosen den Deutschen ausgeliefert“, nach Auschwitz
deportiert wurde, wird für die Autorin jahrzehntelang zu einer schweren
seelischen Belastung. Er ist „wohl sofort nach der Ankunft ins Gas geschickt
worden. Mir aber gelang es, diesem Gedanken hart-näckig auszuweichen,
indem ich mir einredete, er hätte noch auf dem Transport Selbstmord machen
können“, da er als Arzt sicher Tabletten bei sich gehabt hatte
(S. 35).
Ein Mittel der Bewältigung des Schrecklichen ist das Schreiben von Gedichten.
So verfaßt die Autorin ein umfangreiches Gedicht auf den Vater, das
sie in kom-mentierenden Bemerkungen als Vater-Tochter-Mythos deutet, in dem
sie sich selbst als eine Antigone sieht, als „eine Antigone in Kolonos,
deren Vater gar nicht stirbt, sondern in eine Apotheose steigt“ (vgl.
S. 36f.). Das Gedicht als Thera-peutikum – dies ist ein zentraler Antrieb
der Autorin. Es ist daher nur konse-quent, daß sie erklärt: „Ich
meine nicht, daß man 'keine Gedichte nach Ausch-witz' schreiben dürfe.“
(S. 38) Sie beharrt allerdings auf „sinnträchtigen Sät-zen“.
Nun kann jedoch der Fall eintreten, daß man sich aus „zähneklappernder
Angst“ der „Wahrheit“ nicht stellt. So schreibt die Autorin
über ihr Gedicht: „Was hier nicht zur Sprache kommt, ist die knirschende
Wut, die unsereiner ir-gendwann haben muß, um den Ghettos, den KZs und
den Vernichtungslagern gerecht zu werden, die Einsicht, daß sie eine
einzige große Sauerei waren, der mit kei-ner traditionellen Versöhnlichkeit
und Märtyrerverehrung beizukommen ist.“ (S. 38) Es zeigt sich eine
Abwehrhaltung gegen die unvermittelte, krude Darstellung des Schrecklichen
im Gedicht. Das Gedicht scheint sich gegen die pure Darstel-lung des Furchtbaren
zu sträuben. Man könnte geradezu von einer Sprachlosigkeit des Gedichts
gegenüber dem Entsetzlichen sprechen. Dennoch enthält die Autobio-graphie
eine Reihe von Auschwitz-Gedichten, Gedichte der Jugendlichen und der Erwachsenen.
Aber diese Gedichte vermitteln das Geschehen in metaphorischer, symbolischer
Transparenz. So lauten Verse aus dem 1944 geschriebenen Gedicht mit dem Titel
Der Kamin:
Täglich hinterm Stacheldraht
Steigt die Sonne purpurn auf,
Doch ihr Licht wirkt öd und fad,
Bricht die andre Flamme auf.
Denn das warme Lebenslicht
Gilt in Auschwitz längst schon nicht.
Blick zur roten Flamme hin:
Einzig wahr ist der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.
(S. 126, vgl. S. 107)
Die Verse sind eine Art Gegenentwurf gegen das Schreckliche, eine Selbstbe-freiung.
Man müsse „die Schlauheit durchschauen, die es mir eingab, das
Trauma der Auschwitzer Wochen in ein Versmaß zu stülpen. Es sind
Kindergedichte, die in ihrer Regelmäßigkeit ein Gegengewicht zum
Chaos stiften wollten, ein poetischer und therapeutischer Versuch, diesem
sinnlosen und destruktiven Zirkus, in dem wir untergingen, ein sprachlich
Ganzes, Gereimtes entgegenzuhalten; also eigent-lich das älteste ästhetische
Anliegen.“ (S. 126f.) Die Wiedergabe der Fakten muß mit ihrer
Deutung verbunden werden. „Wer mitfühlen, mitdenken will, braucht
Deu-tungen des Geschehens. Das Geschehen allein genügt nicht.“
(S. 128) Und so deu-tet die Autorin denn auch „die Todesmaschine als
Herr der Lager“, die an die Stelle der Sonne tritt (S. 125). Das Gedicht
wird zum hilfreichen „Zauberspruch“ (S. 124). Die junge Ruth,
die im Lager „Gedichte aufgesagt und verfaßt“ hat, leistet
damit Mithäftlingen Beistand: „Viele KZ-Insassen haben Trost in
den Ver-sen gefunden, die sie auswendig wußten.“ (S. 123) Sie
selbst vermag durch Verse manche Beschwernisse zu überstehen, beispielsweise
die harten Stunden auf dem Appellplatz: „Die Schillerschen Balladen
wurden dann auch meine Appellgedichte, mit denen konnte ich stundenlang in
der Sonne stehen und nicht umfallen, weil es immer eine nächste Zeile
zum Aufsagen gab“ (S. 124). Das Gedicht wird zum A-potropäum. Ständig
ist Ruth mit Lyrismen befaßt, entweder mit eigenen Versen oder Versen
aus dem klassischen Bildungsgut. Die Gedichte üben eine Doppelfunk-tion
aus: das (präsentische oder retrospektive) Festhalten des Schrecklichen
im Wort und die Selbstbehauptung gegenüber dem Schrecklichen durch das
Wort. Das Wort ist ein magisches Wort, mit dem das Vergangene wieder verlebendigt
werden kann. „Erinnerung ist Beschwörung“, Beschwörung
des Schrecklichen, da „ich nicht an Gott glaube, aber an Gespenster
schon“, und da sind Gedichte „Beschwörungs-formeln“
(S. 79). Diese Neigung zur kreativen Reaktion auf desolate Zustände zeigt
sich schon bei der Jugendlichen, ja bei dem Kind, etwa im Bildungshunger,
Lesetrieb und Versemachen. Schon die Schülerin ist eine geistige Existenz.
Dabei sind ihre geistigen Impulse nicht nur reaktiv, apotropäisch, sondern
auch ein angeborener kreativer Antrieb. Jedenfalls haben Verse sie gefährlichste
Lebens-situationen überstehen lassen. Auch bei ihr spielt die Kunst eine
befreiende Rolle. So wie für Anita Lasker-Wallfisch die Musik lebensrettende
Bedeutung hat-te, so war für Ruth Klüger die Lyrik ein lebenserhaltender
Faktor. Bei beiden Damen ist dann die Kunst in ihrem weiteren Leben eine zentrale
Kraft, ja die conditio humana. Ruth Klüger hat trotz aller Entsetzlichkeiten
die Lager über-standen. Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie eine Odyssee
von Verfolgung, Flucht und Befreiung durchlebt. In einer feindseligen Umwelt
gab es vereinzelt auch menschliche Solidarität. So hat die Schreiberin
eines selektierenden SS-Mannes, nicht ohne Gefahr für die eigene Person,
die dreizehnjährige Ruth veranlaßt, sich als Fünfzehnjährige
auszugeben, so daß sie nicht ins Gas, sondern zur Ar-beit geschickt
wurde (vgl. S. 133f.). „Das hab ich erlebt, die reine Tat.“ (S.
135) Auf der Flucht stellt ein Pfarrer Mutter und Tochter rettende Pässe
aus, „die dann bis zu Kriegsende unsere Identität sicherstellten.
Es war ein unver-gleichliches Geschenk. […] Daß er sich strafbar
machte, rührte ihn überhaupt nicht, er wollte nur wiedergutmachen.“
(S. 180) Ruth hatte in ihrem „kurzen Le-ben keine Beweise christlicher
Nächstenliebe zu verzeichnen gehabt“, aber dieser Geistliche „war
wirklich ein Christ, wie die Christen sagen würden. Die Juden würden
sagen, er war ein Zaddik, ein Gerechter. Es hat ihn gegeben.“ (S. 179f.)
Auf der Flucht und nach der Befreiung setzt sich Ruth Klüger kritisch
mit den Zeitereignissen und Zeitstimmungen auseinander. Sie beklagt die Gleichgültigkeit
der Bevölkerung gegenüber der jüdischen Katastrophe, ist irritiert
von den „ganz glaubwürdigen Gerüchten über die Massenvergewaltigungen
deutscher Frauen durch die Russen“ (S. 179) und vermißt zunächst
bei den Amerikanern ein Engagement in der jüdischen Frage. Aber es sind
dann doch die Amerikaner, die ihr ein neues Leben ermöglichen. Sie wandert
1947 in die USA aus, betreibt dort Literaturstu-dien und ist heute Literaturwissenschaftlerin,
Germanistin, in Kalifornien, in Irvine.19
Eine sachliche, präzise Dokumentation verbrecherischer NS-Aktivitäten
gegen-über Juden ist Mietek Pempers Der rettende Weg. Schindlers Liste
– die wahre Geschichte (2005).20 Es ist ein Erlebnisbericht aus der
Hölle der NS-Vernichtungspraktiken. Hier hat ein Zeitzeuge des Geschehens
einen materialrei-chen Befund und eine analytische Bestandsaufnahme vorgelegt,
verifiziert durch die persönliche Erfahrung. Der 1920 in Krakau geborene
Mietek Pemper wurde als jüdischer Häftling vom März 1943 bis
September 1944 abkommandiert zum Schreiber, Stenographen, Dolmetscher, 'Sekretär'
des SS-Kommandanten Amon Göth, der im Zwangsarbeitslager und Konzentrationslager
Krakau-Plaszów ein Schreckensregiment führte. Semper hatte keine
Möglichkeit, sich dieser Funktion zu widersetzen. Eine Weigerung hätte
seine sofortige Liquidierung zur Folge gehabt. Aber diese Tätigkeit bot
ihm die Möglichkeit, den Mithäftlingen manche Hilfe zu leisten,
ihnen Erleichterungen zu verschaffen, ja in einigen Fällen Deportationen
einzel-ner Personen zu verhindern. Dies war nur möglich, weil Semper
aufgrund seiner Intelligenz, seiner Zweisprachigkeit und seiner Ausbildung
(Jura- und Betriebs-wirtschaftsstudium) für den umtriebigen Göth
zu einer unentbehrlichen Hilfskraft wurde. Semper gewann Einblick in Organisation
und Planungen des Terrorapparats und die menschenverachtenden Praktiken und
korrupten Machenschaften Göths. Auch hatte er Kenntnisse von Interna,
die eigentlich der Geheimhaltung unterlagen. Er nutzte sein Wissen zu seiner
subversiven Tätigkeit, den verdeckten Hilfsaktio-nen für Mithäftlinge,
die er klug, mit viel taktischer Finesse betrieb. Dies war ein nicht ungefährliches
Unterfangen. Hätte Göth das Doppelspiel seines Schrift-führers
durchschaut, wäre es dessen Ende gewesen. Göth war ein ungemein
brutaler Mensch, ein gewalttätiger Typ mit sadistischen Zügen, ein
gefährlicher Choleri-ker, der in plötzlichen Wutanfällen zu
jedem Verbrechen fähig war, ein notori-scher Mörder. Semper berichtet:
„Ich sitze in der Kommandanturbaracke beim Dik-tat. Während er
spricht, sieht er in den Außenspiegel an seinem Fenster, mit dessen
Hilfe er das Gelände vor der Baracke überblicken kann. Plötzlich
steht er auf, nimmt eines der Gewehre von der Wand, öffnet rasch das
Fenster. Ich höre einige Schüsse, dann nur Schreie. Als hätte
nur ein Telefonat das Diktat unter-brochen, kommt Göth zum Schreibtisch
zurück und fragt: 'Wo waren wir stehen-geblieben?'“ (S. 71) Göths
Exzesse verbreiteten im Lager Angst und Schrecken. Kein Häftling konnte
seines Lebens mehr sicher sein. „Wenn Göth sonst eine In-spektion
vornahm oder unerwartet irgendwo auftauchte, kam es nicht selten vor, daß
er einen Häftling mit oder ohne Grund einfach erschoß.“ (S.
96) „Dabei war ein Schuß aus seinem Revolver ein komfortabler
Tod, verglichen mit dem Zerreißen durch Göths Hunde.“ (S.
162) Die Lagerinsassen waren vogelfrei, jeder Willkür der SS ausgeliefert.
Bei den SS-Männern entwickelte sich ein exzessives Machtge-fühl,
da sie als 'Herrenmenschen' schrankenlose Gewalt über die inhaftierten
'Untermenschen' hatten. So „spielten sich die meisten der SS-Leute als
Herren über Leben und Tod auf. Entsprechend lebten wir in ständiger
Verunsicherung und Todesangst.“ (S. 91) Was die Psychologie der SS-Täter
betrifft, so handelt es sich in vielen Fällen um einen durch die NS-Rassentheorie
ideologisch verbrämten Tötungstrieb, das hemmungslose Ausleben sadistischer
Impulse. Zugleich gibt es, vor allem in den Vernichtungslagern, in Auschwitz,
Maidanek, Treblinka, die küh-len Tötungsspezialisten, die den Massenmord
wie einen technischen Prozeß rein mechanisch betrieben. Zudem war die
Vernichtungsmaschinerie für die Täter ein sie vor Kriegseinsatz
abschirmender 'Job'. Es war ungefährlicher, wehrlose Juden umzubringen,
als an der Ostfront russische Panzer zu stoppen. Daß dabei der NS-Rassenwahn,
die perfekte, perfide antisemitische Propaganda, wie sie besonders von Goebbels
betrieben wurde, die Gehirne der Täter vernebelte und ihnen ihre Aktionen
als Pflichterfüllung gegenüber dem deutschen Volk und der arischen
Her-renrasse erscheinen ließ, steht außer Frage. Aber ebenso sind
Machtwille, Selbstinszenierung und Sadismus Antriebskräfte der Täter.
Es gab hier allerdings auch Ausnahmen. Semper berichtet von einem SS-Mann,
dem Göth befiehlt, eine jü-dische Frau und ihr Kind zu erschießen.
Die Frau war mit gefälschten Papieren aufgegriffen worden. „'Erschießen
Sie sie!' sagt Göth, ohne auch nur einen Blick auf die Frau und das Kind
zu werfen. Dworschak schießt das Blut ins Gesicht, dann sagt er leise,
aber deutlich: 'Das kann ich nicht.'“ Göth tobt. Aber Dwor-schak
verweigert weiterhin die Ausführung des Befehls. „Dworschak stammelt
nur immer wieder: 'Das kann ich nicht … das kann ich nicht … '
Schließlich läßt Göth Dworschak wegtreten.“ (S.
149) Frau und Kind wurden dann von einem Polizeiober-wachtmeister erschossen.
Semper fügt hinzu: „Ich weiß, daß sich die SS-Leute
nicht scharenweise zu den Exekutionskommandos meldeten, obwohl es dafür
zusätz-lich Schnaps und Zigaretten gab.“ (S. 151) Das KZ Krakau-Plaszów
war kein Ver-nichtungslager, aber es war ein Zwangsarbeitslager, aus dem immer
wieder Häft-linge, vor allem Juden, bei Arbeitsunfähigkeit in Vernichtungslager
deportiert wurden. Außerdem waren die Häftlinge Mißhandlungen
und abrupten Tötungen ausge-setzt. In diesem Reich der infernalischen
Menschenverachtung gab es aber auch Widerstand, den moralischen Widerstand.
Nur selten war es möglich, diesen Wider-stand in konkrete Taten umzusetzen.
Aber es gab Oskar Schindler, der Juden vor dem sicheren Tod rettete, aus mitmenschlicher
Solidarität mit den Opfern. Mit taktisch klugem Verhalten, mit allen
nur möglichen Täuschungsmanövern gelingt es ihm, die SS und
speziell Göth hinters Licht zu führen. Es entwickelt sich insge-heim
eine Art Bündnis zwischen dem SS-Mann Schindler und dem Funktionshäftling
Semper. Semper, aufgrund seiner Schreibarbeit mit den Absichten Göths
vertraut, informiert Schindler über Göths Vorhaben, so daß
Schindler vorbeugende Maßnahmen ergreifen kann. Schindler sucht den
Kontakt zu Göth und spielt dessen freund-schaftlichen Genossen. „Seit
März 1943 tat Schindler so, als wäre Göth sein ech-ter Freund
und Gesinnungsgenosse. In Wirklichkeit aber nutzte er den Kontakt zu Göth,
um seine jüdischen Arbeiter zu beschützen.“ (S. 98) Mit lukrativen
Ge-schenken hat er die zuständigen SS-Größen bestochen und
sie so für seine Vor-schläge günstig gestimmt. Da mit der für
die Wehrmacht nach Stalingrad immer kritischeren Lage an der Ostfront die
Rüstungsproduktion zu einem entscheidenden Arbeitsfaktor auch in den
Lagern wurde, kam es darauf an, den zuständigen Stel-len ein Höchstmaß
an Effizienz mitzuteilen. Eine Täuschungsmethode war der (le-bensgefährliche)
„Trick mit den Produktionstabellen“ (S. 110), d.h. mit überzo-genen
Erfolgslisten. Da die SS-Behörden dazu übergingen, die nicht kriegswichti-gen
Arbeitslager, die Lager ohne „siegentscheidende Produktion“ (S.
119), aufzu-lösen und ihre Insassen zu deportieren (s. S. 125), baute
Schindler, nach ent-sprechenden Warnungen Sempers, die „Rüstungsproduktion
in seiner Fabrik ver-stärkt aus, vor allem die Herstellung von Granatenteilen“
(S. 120). So konnten die in Plaszów im Fabriklager Schindlers arbeitenden
Juden gerettet werden. Schindler hat zudem Juden aus dem Lager Brünnlitz
gerettet. So ergab sich in „Schindlers Liste“ „am Ende die
Zahl von etwa 1200 Häftlingen“ (S. 112).21 Nun hat man auch die
Frage nach den Geschäftsinteressen Schindlers aufgeworfen, wie man auch
auf seine erotische Libertinage hingewiesen hat.22 Semper konstatiert: „Schindler
entwickelte sich in diesen Jahren von einem profitorientierten Ge-schäftsmann
zu einem überzeugten Lebensretter.“ (S. 190) Schindler legt aller-dings
Wert darauf, „daß meine Wandlung nicht nach dem 20. Juli 1944
eintrat, wo längst alle Fronten zusammenkrachten und viele nicht mehr
wollten, sondern vier Jahre vorher, wo deutsche Blitzkriege der Welt den Atem
nahmen“ (S. 190). In Sempers Bericht dominiert der Kontrast Göth-Schindler.
Dieser Gegensatz hat über die konkreten Vorgänge hinaus symbolische
Bedeutung: Göth als Inkarnation des Bösen, Schindler als Verkörperung
der Menschlichkeit. Entscheidend sind die selbstlosen Rettungsaktionen Schindlers.
Wenngleich er kein „Heiliger“ war (S. 96), zeigte er „in
allen Situationen entschlossene Tatkraft und tiefe Mensch-lichkeit, die darin
ihren Ausdruck fand, daß er 'seinen Juden' um jeden Preis helfen und
sie am Leben erhalten wollte“ (S. 111). In der Tat gebührt Schindler
jede Anerkennung. Wo Politiker, Kulturträger, Kirchenfürsten sich
durch ihr Schweigen zur jüdischen Katastrophe der unterlassenen Hilfeleistung
schuldig gemacht haben, hat Schindler gehandelt. Das kann nicht genug gewürdigt
werden. Sein Antipode Göth, der sich bereits wegen Mißachtung seiner
Vorgesetzten und Eigenmächtigkeiten bei den übergeordneten Instanzen
unbeliebt gemacht hatte, wurde im September 1944 wegen Korruption von der
SS verhaftet. Die willkürlichen Erschießungen waren schon vorher
eingestellt worden. Strafen bedurften nun der Genehmigung der übergeordneten
SS-Behörde (vgl. S. 164). Nach dem Krieg wurde Göth in Krakau in
einem Prozeß August/September 1946, in dem Semper als Zeuge auftrat,
wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (S. 240), wegen der
Verant-wortung als Lagerkommandant „für die Ermordung von achttausend
Menschen allein im Lager Plaszów“ (S. 239), zum Tode verurteilt
und dann hingerichtet. Semper, der in mehreren Prozessen gegen NS-Täter
als Zeuge aufgetreten ist oder als Dol-metscher fungierte, stellt im Hinblick
auf die Haltung der Angeklagten fest: „Kein Bekenntnis der Trauer um
den Tod der vielen unschuldigen Opfer, keine Ent-schuldigung, keine Abbitte,
keine Reue.“ (S. 256) Bei aller Skepsis hebt Semper aber auch die Charakterstärke
integrer Personen hervor. So verweist er auf den Betriebswirtschaftler Eugen
Schmalenbach und den Philosophen Karl Jaspers, die sich weigerten, sich von
ihren jüdischen Frauen zu trennen (s. S. 230). In sei-nem Résumé
betont Semper die Notwendigkeit der Erinnerung. „Wir können aus
der Geschichte nicht aussteigen.“ (S. 265) Erst aus der Vergegenwärtigung
des Ver-gangenen kann Zukunft gestaltet werden. „Wir alle tragen die
Verantwortung für eine bessere Zukunft.“ (S. 266) In der moralischen
Bewertung des Geschehenen spricht sich Semper für Differenzierung aus.
„Ich vermeide bei meinen Vorträgen pauschale Urteile und hüte
mich vor Schwarzweißzeichnungen.“ (S. 264) Es gibt nicht die „Kollektivschuld“,
sondern die „individuelle Verantwortung“ (S. 265). Die aber muß
eingefordert werden. Angesichts des „saeculum horribile“ lautet
die Maxime: „Erziehung des Menschen zum Menschen!“ (S. 266)
Es ist ein Spezifikum der Nachkriegseuropäer, den Massenmord an den Juden
mit dem Mantel des Schweigens, der Verdrängung oder des Relativierens
zu bedecken. Dies betrifft anscheinend die Mehrheit der Bevölkerung.
Es war und ist zumeist eine Minorität von Intellektuellen und Moralisten,
die sich engagiert mit dem Genozid an den Juden auseinandersetzen. Dies gilt
nicht nur für Deutschland, das Land der Täter bzw. das Land, in
dem eine verbrecherische Regierung den Genozid anordnete und organisierte,
sondern auch für Länder wie Frankreich und Italien, in denen man
die Deportationen duldete, wenn nicht gar, wie unter dem Pétain-Regime,
unterstützte. Damit sind Länder wie Dänemark, die Niederlande
oder Grie-chenland, Opfer der Hitlerschen Eroberungspolitik, nicht belastet.
Aber in ihrer zeitgeschichtlichen Forschungsarbeit Der Holocaust in den Zeugnissen
griechi-scher Jüdinnen und Juden (2003)23 konstatiert Tullia Santin:
„Der Umgang mit dem Holocaust, mit der Vernichtung des europäischen
Judentums, darunter auch der griechischen Jüdinnen und Juden, war in
Griechenland über Jahrzehnte von Sprach-losigkeit gekennzeichnet“.
(S. 11) Dieses Rezeptionsdefizit hat Frau Santin durch eine klare, präzise
Dokumentation und Analyse ausgeglichen. Sie verbindet die Beschreibung der
deutschen Besatzungspolitik mit einer Dokumentation von Aussagen jüdischer
KZ-Häftlinge und Deutungen der Psychologie der Täter und Op-fer
sowie der Reaktion der christlichen Bevölkerung auf die antisemitischen
Maß-nahmen der Besatzungsmacht. Dies ergibt ein breitbasiertes, differenziertes
Bild der Lage. Die Darstellung besteht aus einer Mischung von Fakten, Reaktionen
und Deutungen. Wie in allen von der Wehrmacht besetzten Ländern findet
auch in Grie-chenland die Judenverfolgung statt. Aber im Unterschied zu Polen
und der Sowjet-union, wo sofort nach dem Einmarsch deutscher Truppen die nachrückenden
Einsatz-kommandos der SS und des SD auf Menschenjagd gingen und in Sonderaktionen
Juden exekutierten, erfolgte in Griechenland die Judenverfolgung in einem
langsameren, sich aber stetig steigernden Prozeß. Zunächst sind
es die üblichen Schikanen, Entwürdigungen und Unrechtspraktiken,
dann werden die antisemitischen Aktivitä-ten immer erbarmungsloser, es
kommt zu Mißhandlungen und Tötungsdelikten, und schließlich
erfolgt die Deportation der griechischen Juden in die Vernichtungs-lager.
Die in Thessaloniki konzentrierten griechischen Juden sind fast alle um-gebracht
worden. Es sind fast 49.000 Opfer zu beklagen (vgl. S. 97). „Bis zum
10. August 1943 verließen 18 Transporte mit insgesamt 45.123 Juden und
Jüdinnen aus der gesamten deutschen Besatzungszone Thessaloniki in Richtung
Auschwitz. Die meisten von ihnen wurden direkt in die Gaskammern geführt.“
(S. 21)24 „Ins-gesamt kamen von 71.611 griechischen Juden und Jüdinnen
58.885 während der nati-onalsozialistischen Herrschaft gewaltsam um.“
(S. 29)25
Die Autorin hat eine Reihe authentischer Zeugnisse jüdischer KZ-Häftlinge
aus Griechenland zusammengestellt. Der Erkenntniszuwachs der Darstellung besteht
darin, daß nicht nur Fakten mitgeteilt, sondern auch die unterschiedlichen
Per-spektiven, Gefühlslagen und Wertungen der Schreibenden sowie die
verschiedenen Schreibgattungen (Brief, Erlebnisbericht, Autobiographie) und
die unterschiedli-chen Zeitebenen (unmittelbare und spätere Niederschrift)
berücksichtigt werden. Zudem gibt es verschiedene Funktionen des Schreibens.
Sie reichen vom sachlichen Feststellen der Fakten über das Bestreben,
„Zeugnis abzulegen“ (S. 66), das Ge-schehen nicht der Vergessenheit
anheimfallen zu lassen, sondern der Weltöffent-lichkeit mitzuteilen,
bis zum Selbstschutz, zur therapeutischen Funktion der „seelischen Erleichterung“
(S. 66). Diese Differenzierungen verleihen der Be-standsaufnahme einen komplexeren
Hintergrund. Aus den unterschiedlichen Perspek-tiven und Absichten ergibt
sich ein Gesamtbild des Geschehens in seiner Vielfäl-tigkeit. Auch ist
der Zeitpunkt der Niederschrift zu berücksichtigen. Neben den spontanen,
unmittelbaren Aufzeichnungen in der konkreten Situation der Lagerhaft stehen
die im Abstand von Jahren verfaßten Niederschriften, die die Vergegenwär-tigung
der realen Situationen vielfach mit autobiographischen und zeitgeschicht-lichen
Aspekten verbinden. Wenngleich in der Rückblende das individuell Erlebte
vielfach in größerem Zusammenhang gesehen und gedeutet wird, nicht
zuletzt mit Hinblick auf die Schuldigen, so sind doch die aus der Erinnerung
fixierten Situ-ationen und Lageberichte unmittelbar gegenwärtig. Das
heilt nie. Das läßt sich nicht abstreifen. Das ist immer präsent.
Das ist in die Haut geätzt. Der Terror gegen die Juden findet in Griechenland
mit taktischen Verzögerungen statt, dann aber werden schon bald die antijüdischen
Maßnahmen immer brutaler. So sind die am 11. Juli 1942 in Thessaloniki
auf dem Platz der Freiheit zur Zwangsarbeit rekrutierten „annähernd
9.000 jüdischen Männer“ schweren Mißhandlungen ausge-setzt.
„Sie schlagen sie, sie prügeln sie zu Tode“ berichtet ein
jüdischer Bür-ger (S. 162/163). Dann setzen die Deportationen ein.
Über die Ankunft der Trans-porte in Auschwitz berichtet ein Augenzeuge:
„Zwischen den elektrisch geladenen Drahtzäunen sahen wir die endlose
Reihe der Opfer vorbeiziehen, die in das Kre-matorium geführt wurden.
Das Pfeifen des Zuges, das sich mit den Akkorden der Geigen vermischte, kündigte
die Ankunft einer neuen, für die Öfen bestimmten Ladung an. Dieses
Schauspiel war so natürlich geworden, daß sich niemand mehr daran
störte, die Neuankömmlinge vorbeimarschieren zu sehen, während
jene, wenn sie diese schöne Musik hörten und aus der Ferne die Vergnügungen
sahen, sich fragten, ob sie vielleicht träumten.“ (S. 49) Im KZ
ist alles auf Vernichtung abgestellt. Die nicht in den Gaskammern ermordeten
Menschen hatten eine „durch-schnittliche Lebenserwartung von drei Monaten,
sofern man nicht das Glück hatte, einem geschützteren Kommando zugeteilt
zu werden“ (S. 133). Es kommt auch zu bestialischen Grausamkeiten. Unfaßbar
sind die sadistischen Exzesse des Ober-scharführers Moll, des Leiters
der Auschwitzer Krematorien: „Blind, klein, jede Sekunde zwinkerte er
mit dem rechten Auge. Er war das Monster, das zum Vergnügen die Alten
im Abstand von 15-20 Meter aufstellte und ihnen in die verschiedenen Körperteile
schoß, in die Augen, in die Ohren, in den Penis, auch sonst überall
hin, und danach schmiß er sie in die Grube. Er war der Schrecken des
Lagers“; es war eine Spezialität Molls, „nackten Frauen in
den Unterleib zu schießen“ (S. 188).
Vor dem Hintergrund der durch Augenzeugen beglaubigten Fakten wirft die Auto-rin
die Frage nach Reaktion und Psychologie der Opfer, der Täter und der
Bevöl-kerung auf. Das Kernproblem der Opfer ist die Bewahrung ihrer Identität.
Es ging darum, sich nicht zum bloßen Menschenmaterial bzw. zu nicht-menschlichen
Lebewe-sen degradieren zu lassen. War man zunächst unter dem Besatzungsregime
bemüht, trotz aller Repressalien die eigene „nationale, ethnische
und religiöse Identi-tät“ zu bewahren, so sind im Konzentrationslager
„Menschenwürde und Persönlich-keit“ extrem gefährdet
(S. 107). Im Verlust der Identität ist, wie ein Häftling gleich
nach der Befreiung konstatiert, der Gefangene „einem Tier gleichgemacht“
(S. 108). Im KZ geht es ums nackte Überleben. Es ist der Überlebenstrieb,
der Häftlinge immer wieder anstachelt, sich der Vernichtung zu entziehen,
sei es durch praktisches Handeln, durch Beschaffung zusätzlicher Nahrung
(Brot), sei es durch Einordnung in bestimmte Arbeitskommandos, sei es durch
geistige Energie, einen inneren Widerstand und den Willen, sich nicht in Verzweiflung
und Apathie versinken zu lassen, sondern um jeden Preis zu überleben.
Leider war dies nur einer Minorität möglich. Zudem hing Tod und
Leben arbeitsfähiger Juden, die man im Unterschied zur überwältigenden
Mehrheit der Juden nicht gleich ins Gas schickte, häufig von Zufällen
ab, Launen der Wachmannschaften, Exzessen der SS, ruinösen Arbeitseinsätzen.
Abermals kann die Musik rettend sein. Eine jüdische Pianistin, Mitglied
des Lagerorchesters, „berichtete, so lange sie ihren [der Klaviatur
des Flügels] Kontakt spüre, könne ihr nichts geschehen“,
und ein jüdi-scher Musiker schreibt: „Die Musik hat mir erlaubt,
das Unerträgliche zu ertra-gen“ (S. 127). Das Musizieren befreit
vom massiven Druck der Wirklichkeit. „Kunst und Kultur bildeten einen
Gegenpol zur Realität. Sie lenkten ab und er-laubten, ähnlich wie
das Schreiben, kurzfristig in eine Scheinwelt einzutau-chen.“ (S. 128)
Aber es geht bei alledem nicht nur um die Rettung des Einzelnen, sondern auch
um das Überleben des jüdischen Volkes, des Judentums. Die Autorin
verweist auf den Rabbiner und Philosophen Emil Fackenheim, der in seinem Beitrag
Die gebietende Stimme von Auschwitz (1982) erklärt: „Es ist den
Juden verboten, Hitler nachträglich siegen zu lassen. Es ist ihnen geboten,
als Juden zu überle-ben, damit das jüdische Volk nicht untergehe.“
(S. 117) Die jüdische Solidarität zeigt sich im übrigen auch
im Schuldgefühl mancher Überlebender gegenüber den Ermordeten.
In einer fast magischen Verbindung mit den Toten empfindet man das eigene
Überleben als einen Mangel an Solidarität mit den Dahingerafften.
Dieses Schuldgefühl ist allerdings bei griechischen Juden weniger stark
ausgeprägt als bei deutschen Juden (vgl. S. 120). Was Motivation und
Psychologie der Täter be-trifft, so werden die Täter weniger aus
der Täter- als vielmehr aus der Opfer-perspektive gekennzeichnet. Die
Täter werden in der Opferperspektive „schlicht 'die Deutschen'“
genannt (S. 185). Kaum begreift man, daß aus dem „Volk der Dichter
und Denker“, einem „Volk, das Beethoven, Goethe und Heine hervorgebracht
hatte“ (S. 154), der antijüdische „Fanatismus der Deutschen“
(S. 160) und die „hervorragend dressierten Bestien“ der SS (S.
185) erwachsen konnten. Hinsicht-lich der Reaktion der griechischen Bevölkerung
auf die Judenverfolgung konsta-tiert Santin, daß die christliche Bevölkerung
trotz eines latenten, offenen und unterschwelligen, Antisemitismus die Verfolgten
vielfach beschützt hat. „Die orthodoxen Griechen und Griechinnen
halfen ihren jüdischen Mitmenschen trotz ihres Antisemitismus, weil ihre
Humanität über die durchaus vorhandenen Vorur-teile siegte.“
(S. 106)
Die schmerzlichen, depressiven Erfahrungen mit der Geschichte des europäi-schen
Judentums steigern sich angesichts der nationalsozialistischen Vernich-tungsmaschinerie
zu blankem Entsetzen. Filip Müller, einst in Auschwitz jüdi-scher
Häftling im Sonderkommando zur Leichenbeseitigung, hat in seinem Buch
Son-derbehandlung (1979)26 die Schrecknisse der Vergasungen im Detail geschildert.
Das aus 450, später 900 Mann bestehende jüdische Sonderkommando
mußte die ver-gasten Menschen verladen und verbrennen. Anfangs war dieses
Procedere ein Schock, dann setzte die Gewöhnung ein, und schließlich
rang man um das eigene Überleben. Das Sonderkommando war selbst gefährdet.
Später hat die SS im Zuge der Zeugenbeseitigung das Kommando 'liquidiert'.
Es haben offenbar höchstens zwei Personen überlebt. Ein Überlebender
war Filip Müller. Der 1922 in Sered, Tschechoslowakei, geborene Filip
Müller war vom April 1942 bis zum Januar 1945 Mitglied des Sonderkommandos.
Gleich nach seiner Einlieferung ins Konzentrati-onslager wird der Gymnasiast
dem Kommando zugeteilt und muß an einer Leichenbe-seitigungsaktion teilnehmen.
„Vor uns lagen zwischen Koffern und Rucksäcken Hau-fen aufeinander-
und durcheinanderliegender toter Männer und Frauen. Ich war starr vor
Entsetzen. Ich wußte ja nicht, wo ich mich befand und was hier vor sich
ging. Ein heftiger Schlag, begleitet von Starks Gebrüll: 'Los, los! Leichen
ausziehen!' veranlaßte mich das zu tun, was auch ein paar andere Häftlinge
ta-ten, die ich erst jetzt bemerkte.“ (S. 23) Der Häftling ist
so paralysiert, daß er die Befehle automatisch ausführt. „Die
Angst vor weiteren Schlägen, der grau-sige Anblick der gestapelten Leichen,
der beißende Rauch, das Surren der Venti-latoren und das Flackern der
lodernden Flammen aus dem Verbrennungsraum, dieses ganze chaotische, infernalische
Tohuwabohu hatte meine Orientierung und mein Denkvermögen derart gelähmt,
daß ich jeden Befehl wie hypnotisiert befolgte.“ (S. 23) Diese
Prozedur wiederholt sich nun unaufhörlich, Jahr um Jahr, vom Zeit-zeugen
Müller in seinen grausamen Einzelheiten authentisch geschildert. Es ist
die ständige Wiederholung des Gleichen, eine zyklische Absurdität,
schokkierend in ihrer Perfektion, erschreckend in ihrer Monotonie. In der
NS-Rassentheorie werden die Menschenrechte radikal negiert. Der Mensch fällt
aus. In diesem Sys-tem des „absoluten Bösen“ (S. 9) vollzieht
sich der aktive Nihilismus in seiner höchsten Potenz. Der Bericht Filip
Müllers dokumentiert dies in erschütternder Weise. Unter den Häftlingen
greift Hoffnungslosigkeit um sich. Der Häftling Mül-ler gelangt
zu der „Überzeugung, daß es keine Macht auf der Welt gab,
weder im Himmel noch auf Erden, die diese unschuldigen, arbeitsamen, nach
Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen vor dem Tode hätte retten können“,
vor einem „größen-wahnsinnigen Diktator“, für
den die Juden nur auszurottendes „Ungeziefer“ waren. „Hitler
und seine Spießgesellen hatten diese Absicht nie verheimlicht und schon
lange unverblümt kundgetan. Die ganze Welt wußte es und schwieg,
und wer schweigt, so glaubten wir, stimmt zu. Solche Überlegungen hatten
mich und meine Gefährten zu der Überzeugung kommen lassen, daß
die Welt mit dem, was hier ge-schah, einverstanden sein mußte.“
(S. 59f.)
Diese Kritik ist aus der konkreten Situation der Opfer verständlich.
In der Tat war die europäische Bevölkerung trotz Aufklärung
und (vorübergehender) Ju-denemanzipation zu großen Teilen antisemitisch
eingestellt. Im christlichen A-bendland grassierten antisemitische Vorurteile.
Und die im christlichen Abend-land begangenen antijüdischen Pogrome sind
eine historische Wurzel des modernen Antisemitismus. Durch den von der allerdings
antichristlichen NS-Rassentheorie propagierten und praktizierten Umschlag
des religiösen in einen biologistischen Antisemitismus wurde die Lage
für die Juden ausweglos. Im ganzen war der Antise-mitismus eine kollektive
Neurose Europas. Eine 'moderne' Zustimmung der Welt zur Judenvernichtung gab
es allerdings kaum, wohl eine weitverbreitete Gleichgültig-keit gegenüber
den Deportationen. Kenntnis der Massaker hatten allerdings die Alliierten
und auch der Vatikan – ohne entscheidende Gegenmaßnahmen zu ergrei-fen.27
Hätte der Papst, auf jede Gefahr hin, Hitler zum Antichristen erklärt
oder dies der Reichsregierung zumindest angedroht, wäre dies ein schwerer
Schlag gegen das Regime gewesen und hätte möglicherweise die Ausrottungsmaschinerie
gehemmt. Aber dies ist natürlich nur eine Mutmaßung. Immerhin zeigt
das Beispiel des Grafen von Galen, des Bischofs von Münster, der durch
seine Proteste gegen die Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens die
(vorläufige) Einstellung der Eutha-nasie bewirkte, daß solche Akte
der Menschlichkeit das Regime nicht unbeein-druckt ließen. Daß
der 'Löwe von Münster' bei seinen Protesten gegen das un-menschliche
NS-Regime nicht ausdrücklich gegen die Judenverfolgung protestiert hat,
ist allerdings ein fatales Defizit dieses aufrechten Mannes – ein Manko,
das er später selbst bedauert hat. Was die Haltung des Vatikans betrifft,
so ist bis heute die schwierige, vieldiskutierte Frage der unterlassenen Hilfeleistung
ein Problem. Im übrigen ist nicht entscheidend, ob ein massiver Protest
des Papstes realen Erfolg gehabt hätte. Nicht Erfolgsethik, sondern Gesinnungsethik
ist hier der Maßstab. Ein öffentlicher Protest des 'Stellvertreters'
gegen De-portation und Vernichtung der Juden wäre ein Zeichen gewesen,
ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern und ein Aufruf an die Weltöffentlichkeit,
sich dem Verbrechen zu widersetzen. Es wäre ein Zeichen von historischer
Tragweite gewe-sen.
Der Holocaust ist für uns Heutige nicht ein bereits bloß historisches,
son-dern ein aktuelles Problem. Es ist die Pflicht der Zeitgenossen der Hitler-Diktatur
und der Nachgeborenen, sich diesem Problem zu stellen und die Erinne-rung
an die Opfer der Nazi-Barbarei wachzuhalten. Das ist das mindeste, was man
vor allem vom zeitgenössischen Wohlstandsbürger verlangen kann.
Wegschauen oder Vergessenwollen ist in dieser Sache ein menschenunwürdiges
Verhalten. Auch das in manchen Kreisen beliebte Relativieren des Holocaust
durch Hinweise auf andere Massenmorde in der neueren Geschichte, etwa auf
die Verbrechen Stalins, ist in dieser Frage völlig fehl am Platz, denn
die Nationalsozialisten haben die Juden-verfolgung im Namen des deutschen
Volkes, des Volkes der Dichter und Denker, inszeniert und sie haben den Massenmord
in Todesfabriken industriell bewerkstel-ligt. Es ist eine hyperbolische Naivität,
den Holocaust durch fragwürdige Ver-gleiche als einen 'normalen' geschichtlichen
Vorgang zu deuten. Dies ist ein schlimmer Mißgriff. Der Holocaust ist
ein in der Menschheitsgeschichte absolut singuläres Ereignis. Ein besonders
düsteres Kapitel ist die demagogische Parole der Auschwitz-Lüge.
Wer heute noch den Holocaust leugnet, ist entweder geistig oder moralisch
defekt. Ein tiefgründiges Problem ist das bei vielen Überlebenden
der Judenverfolgung auftretende Schuldgefühl. So schreibt der mit seiner
jüdi-schen Ehefrau den NS-Repressionen ausgesetzte Philosoph Karl Jaspers,
die „He-roisierung“ seiner Person abwehrend, kurz nach dem Krieg:
„Wir Überlebenden ha-ben nicht den Tod gesucht. Wir sind nicht,
als unsere jüdischen Freunde abge-führt wurden, auf die Straße
gegangen, haben nicht geschrien, bis man auch uns vernichtete. Wir haben es
vorgezogen, am Leben zu bleiben mit dem schwachen, wenn auch richtigen Grund,
unser Tod hätte nichts helfen können. Daß wir leben, ist unsere
Schuld. Wir wissen vor Gott, was uns tief demütigt.“28
1 Max Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen, München,
1962/63, Bd. 2, S. 1058.
2 Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft (1951), S. 27, in: Lyrik
nach Auschwitz? Adorno und die Dichter, hrsg. v. Petra Kiedaisch, Stuttgart
1995 (1998), S. 27-49.
3 Hans Magnus Enzensberger, Die Steine der Freiheit (1959), S. 73f., in: wie
Anm. 2, S. 73-76.
4 An anderer Stelle schränkt Adorno, ein wenig kryptisch, sein Votum ein
und stimmt „Enzensbergers Entgegnung“ zu, „die Dichtung müsse
eben diesem Ver-dikt standhalten“ (Adorno, Engagement (1962), S. 54, in:
wie Anm. 2, S. 53-55).
5 Alfred Andersch, Rede auf einem Empfang bei Arnoldo Mondadori am 9. No-vember
1959, S. 77, in: wie Anm.2, S.76-78.
6 Ebd., S. 78.
7 Günter Kunert, Das Bewußtsein des Gedichts (1970), S. 108, in:
wie Anm. 2, S. 107-113.
8 Günter Grass, Schreiben nach Auschwitz (1990), S. 140, in: wie Anm.2,
S. 139-144.
9 Ebd., S. 143.
10 Paul Celan, Todesfuge, in: Celan, Mohn und Gedächtnis, Stuttgart 1952,
7. Aufl. 1965, S. 35-39.
11 Anja Lundholm, Das Höllentor. Bericht einer Überlebenden. Mit einem
Nachwort von Eva Demski, Hamburg 1988.
12 Die nationalsozialistischen Gewaltverbrecher machen vor keinem Tabu halt.
Entgegen der Aussage des Auschwitz-Kommandanten Höß, niemand sei
nach der Vergasung lebend in der Gaskammer gefunden worden, hat doch ein fünfzehnjähriges
Mädchen durch Berührung mit der Feuchtigkeit des Bodens überlebt.
Es wurde durch Genickschuß getötet (Gerald Reitlinger, Die Endlösung.
Hitlers Versuch der Aus-rottung der Juden Europas 1939-1945. Ins Deutsche übertragen
von J.W. Brügel, Berlin 1979, S. 165 – Englische Originalausgabe
London 1953). Dem bis heute ge-suchten SS-Arzt Aribert Heim wird vorgeworfen,
im KZ Mauthausen Hunderte Häft-linge auf grausamste Weise getötet
zu haben. Laut Anklage hat er einmal einem Häftling, ohne Betäubung,
„den Bauch in ganzer Länge aufgeschnitten und daraus Gedärme,
die Leber und die Milz entfernt, worauf das Opfer unter entsetzlichen Qualen
verstorben“ sei (Bericht des 'Spiegel', Nr. 35/ 29.8.05, S. 44.
13 Zur „Rentabilitätsberechnung Ausleihhäftlinge Siemens &
Halske“ vgl. Lundholm, Höllentor, S. 217.
14 Vgl. auch Anja Lundholm, Morgengrauen. Roman, München o.J. Es ist die
realistische Schilderung der Erlebnisse zweier dem Frauenlager Ravensbrück
ent-ronnener Häftlinge, ihrer Erfahrungen in einem chaotischen Treck Richtung
Westen und ihrer Bemühungen, nach der KZ-Hölle endlich zu sich selbst
zu kommen.
15 Anita Lasker-Wallfisch, Ihr sollt die Wahrheit erben. Breslau – Ausch-witz
– Bergen-Belsen. Mit einem Vorwort von Klaus Harpprecht, Bonn 1997 –
Engli-sche Originalausgabe London 1996.
16 Zu diesem Komplex vgl. Eberhard Kolb, Bergen-Belsen. Vom „Aufenthaltsla-ger“
zum Konzentrationslager 1943-1945, 6. Auflage Göttingen 2002 (zuerst 1985).
17 Gerhard Schoenberner, Der gelbe Stern. Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945,
München 1978, S. 165.
18 Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend, 13. Auflage München 2005
(Göt-tingen 1992).
19 Vgl. dazu die literarhistorischen und literaturkritischen Essays Ruth Klügers,
die Publikationen Katastrophen. Über deutsche Literatur, Göttingen
1994, München 1997, und Frauen lesen anders, München 1996, 4. Aufl.
2002. Im Essay Gibt es ein „Judenproblem“ in der deutschen Nachkriegsliteratur?
(1986) läßt sie die diversen, zum Teil höchst fragwürdigen,
trotz Kritik der Judenver-folgung viele pejorative Klischees vom 'Juden' aufgreifenden
Charakteristiken jüdischer Gestalten in der Prosa mancher Nachkriegsautoren
kritisch Revue pas-sieren (vgl. Katastrophen, S. 9-39). Im Essay Thomas Manns
jüdische Gestalten (1990) gelangt sie zu einer zwiespältigen Beurteilung
des Mannschen Judenbildes. Einerseits übt sie Kritik an der Darstellung
von Juden im Erzählwerk Thomas Manns. Er habe die herablassende Neigung,
„die Juden in minderwertige Positionen abzuschieben“ (Katastrophen,
S. 47). Spinell, der scheiternde Literat in Thomas Manns Tristan, sei der Typus
des „dekadenten jüdischen Pseudo-Künstlers“ (S. 51). In
der Gestalt des Naphta aus dem Zauberberg habe Mann auf den jüdischen „Fanatismus
und Aktivismus“, „einen angeblich gefährlichen, destruktiven
Juden“ gezielt (S. 49f.). Fatal sei, daß in Manns Doktor Faustus
der Antisemitismus keine Rolle spiele, und das in der Darstellung einer Zeit,
in der „fast alle deutschen Juden ermordet oder emigriert waren“
(S. 45). Weiterhin kritisiert Klüger, daß Thomas Mann den Antisemitismus
nur als eine „proletenhafte Lümmelei“ bezeichne, während
er doch ein „modernes Phänomen“ sei (S. 46). Bei aller Kritik
hebt Klüger doch auch positive Aspekte der Juden-Darstellung Thomas Manns
her-vor. „Doch gibt es nicht nur moderne Juden in Manns Werken, es gibt
auch die biblischen Juden der 'Joseph'-Romane. Und die 'Joseph'-Romane sind
ein großarti-ger und begeisterter Tribut eines Nichtjuden an die jüdische
Tradition, mit der sich eigentlich nichts in der abendländischen Literatur
vergleichen läßt.“ (S. 55) Hier sei aus einem „Juden-Epos“
ein „Menschheits-Epos“ geworden (ebd.)
20 Mietek Pemper, Der rettende Weg. Schindlers Liste – die wahre Geschich-te.
Aufgezeichnet von Viktoria Hertling und Marie Elisabeth Müller, Hamburg
2005.
21 Zu den Voraussetzungen und Implikationen der sog. Schindler-Liste vgl. S.
181-208.
22 Eine breitbasierte, akribische Darstellung der Lebensgeschichte Schind-lers,
vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte, bietet David M. Crowe, Oskar Schindler.
Die Biographie. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leine-weber, Frankfurt
a. M. 2005. In dieser monumentalen Biographie zeichnet der Au-tor die Vita Schindlers
minutiös nach. Schindlers persönliche Antriebe, seine Verwicklung
in die Zeitgeschichte, sein Wandlungsprozeß werden in einer detail-lierten
Bestandsaufnahme rekonstruiert. Schindler sei ein auf seinen Vorteil bedachter
Geschäftsmann gewesen, sei in der NS-Spionage tätig gewesen, habe
beim deutschen Überfall auf Polen eine problematische Rolle gespielt und
sei im übri-gen ein Lebemann mit vielen Frauengeschichten gewesen. Zugleich
aber sei er ein Lebensretter gewesen, ein Mensch, der zuletzt bei lebensgefährlichem
Risiko für die eigene Person seine Juden, die 'Schindler-Juden', vor der
Vernichtung be-wahrt habe. Crowes Porträt läuft gewissermaßen
auf einen 'doppelten' Schindler hinaus. „Oskar Schindler hatte Fehler
und Schwächen. Aber er setzte sein Vermö-gen und sein Leben aufs Spiel,
um fast 1100 Menschen zu retten.“ (S. 692) Er war in der Tat ein „Gerechter“
(S. 691).
23 Tullia Santin, Der Holocaust in den Zeugnissen griechischer Jüdinnen
und Juden, Berlin 2003.
24 Die Autorin bezieht sich hier auf Hagen Fleischer, Griechenland, S. 269,
in: Dimension des Völkermords, hrsg. v. Wolfgang Benz, München 1996,
S. 241-274.
25 Vgl. Hagen Fleischer, wie Anm. 24, S. 272.
26 Filip Müller, Sonderbehandlung. Drei Jahre in den Krematorien und Gas-kammern
von Auschwitz. Deutsche Bearbeitung von Helmut Freitag, München 1979.
27 Der Massenmord war der Bevölkerung kaum bekannt, wenngleich die Deporta-tionen
vor aller Augen stattfanden. Immerhin, Thomas Mann hat aus dem Exil in den Radioansprachen
Deutsche Hörer! auf den „Sumpf von Blut und Verbrechen“, die
„Massen-Vergasungen“ hingewiesen. „Kann ein Volk, eine Jugend
tiefer sinken? […] Das Unaussprechliche, das in Rußland, das mit
den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wißt ihr, wollt es aber
lieber nicht wissen […]“ (Radiosendung vom November 1941)
28 Zitate nach: Karl Jaspers in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Darge-stellt
von Hans Saner, Reinbek bei Hamburg 1970, S. 50.